Eine Richtungswahl wird ja schnell mal ausgerufen. Leute, es geht um was, wirklich jetzt, kommt bitte wählen. Auch Michael Müller, Berlins Regierender Bürgermeister, hat die bevorstehende Wahl zum Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen am 18. September jetzt eine Richtungswahl genannt. Schon an seinem beschwörenden Ton auf dem Parteitag, der ihn zum Landeschef und Spitzenkandidaten kürte, war zu spüren, dass dies nicht dahingesagt war.

Und Müller hat recht. Es kommt in der Tat eine Richtungswahl in diesem Herbst – eine Wahl, die so bedeutend ist wie etwa die Wahl vor anderthalb Jahrzehnten, als Rot-Rot unter Wowereit die alte Frontstadt aufwühlte. Oder auch die erste Wahl nach dem Mauerfall, als ein CDU-geführter Senat sich daran machte, die geteilte Stadt zu vereinen.

Die kommende Berlin-Wahl ist so richtungsweisend, nicht weil es um Müllers SPD, sondern weil es um die Rechtfertigung verantwortlicher, also langsamer, mühsamer und kompromissgeleiteter Politik gegen den Versuch ihrer totalen Diskreditierung geht.

Es geht um die Verteidigung der demokratischen Mitte gegen ihre Verächter von rechts. Vor allem von rechts – keineswegs mehr ausschließlich: Auch in Berlins politischer Mitte hat sich in der Verunsicherung des Vorwahlkampfs längst die Versuchung breit gemacht, mit Hohn und Verleumdung auf die Etablierten einzudreschen. Alles Piefkes, alles Schwachmaten, Nichtskönner, Korrupte.

Selbstverständlich gibt es das alles im Establishment. Und es ist eine jahrzehntelange demokratische Übung, derlei im Zusammenspiel von Opposition, freier Presse und Gewaltenteilung aufzudecken und, wo immer möglich, auszumerzen. Das gelingt in täglicher Kleinarbeit erstaunlich gut, jedenfalls sehr viel besser, als es das Ressentimentgeschrei und das wohlfeile Misstrauen gegen die vermeintlichen System-, Alt- oder Konsensparteien glauben machen will.

Nicht etwa nur der SPD, sondern einer vernünftigen, pragmatischen, fehlerfreundlichen Politik der Mitte muss es gelingen, für sich selbst und die lohnende Mühe demokratischer Feldarbeit zu werben. Es geht um die Rückeroberung der Glaubwürdigkeit in einer Richtungswahl, die für die nächste, 2017 im Bund, nur eine Vorübung ist.