Der Tempelberg in Jerusalem ist ein politisch hochexplosives Areal. Der herrschende Status quo, der Muslime Vorrechte auf dem Plateau mit den beiden Moscheen gewährt, mag für manche Juden unbefriedigend sein – vor allem für national-religiöse, nicht indessen für ultrafromme. Aber wer diesen Status anrührt, spielt mit dem Feuer.

Jehuda Glick, der jüdische Tempelherrlichkeit wieder entstehen lassen möchte, hat das aus tiefer Überzeugung getan und dafür jetzt teuer bezahlt. Nur knapp hat der Israeli amerikanischer Herkunft den Anschlag überlebt, den ein palästinensischer Attentäter verübte – vermutlich ebenfalls in der Überzeugung, Heiligtum retten zu müssen.

Damit sollen Opfer und Täter keineswegs gleichgestellt werden. Dass allerdings der Tempelberg wieder derart in den Fokus des israelisch-palästinensischen Konflikts geraten ist, haben beide Seiten zu verantworten. Zwar beteuert Premier Netanjahu, er wolle den Status quo nicht verändern. Doch seine nationalrechten Parteifreunde, die an Gesetzesentwürfen werkeln mit dem Ziel, genau das zu tun, lässt Netanjahu gewähren.

Präsident Abbas will keine Intifada, greift aber auf gefährlich populistische Wortwahl zurück, wenn er zur Verteidigung der Moscheen gegen ungläubige Schänder aufruft. Der Anschlag ist ein Signal, um innezuhalten. Zu befürchten ist, dass die Warnung mutwillig übersehen wird. Die Konfliktparteien befinden sich auf Kollisionskurs.