Die Reaktion des russischen Präsidenten Wladimir Putin auf die Flugzeugtragödie in der Ostukraine zeigt einmal mehr, wie unverfroren er in dem blutigen Konflikt handelt. So ist für ihn die Regierung in Kiew für die Katastrophe verantwortlich, da der Staat die Verantwortung trage, über dessen Territorium sich das Unglück ereignet habe.

Das ist unerträglich. Denn in Wirklichkeit ist es Russland, das den unerklärten Krieg auf dem Gebiet des Nachbarlandes seit Monaten anheizt. Moskau lässt es zumindest zu, dass immer mehr skrupellose Söldner aufseiten der Separatisten kämpfen. In den vergangenen Tagen wurden zudem wieder die berühmten „grünen Männchen“ in der Ostukraine gesichtet – russische Soldaten ohne Hoheitsabzeichen, wie sie vor der Annexion auf der Krim operierten. Es gibt auch keinen ernstzunehmenden Zweifel daran, dass Russland die Aufständischen mit schweren und modernen Waffen ausrüstet, auch mit mobilen Flugabwehrraketen. Die ukrainischen Streitkräfte wiederum schießen in der Region nicht mit Boden-Luft-Raketen, weil es einfach keine gegnerischen Ziele am Himmel gibt.

Noch ist die Beweislage nicht vollständig gesichert. Sicher ist allerdings: Sollten die Separatisten die Täter sein, dann trägt der Kreml ein hohes Maß an Schuld für das Verbrechen, das einem Massenmord gleichkommt. Ein Großteil der Opfer, darunter viele Kinder, stammt aus westlichen Staaten, die meisten aus den Niederlanden. Es gibt keine Toten erster und zweiter Klasse. Jedes Menschenleben hat den gleichen Wert. Dennoch könnte die eigene Betroffenheit manchen Politiker im Westen aufrütteln. Das jedenfalls wäre dringend zu wünschen.

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat recht, wenn er von einem Weckruf für die Welt spricht. Viel zu lange haben die Verantwortlichen in Berlin, Brüssel und Washington gezaudert und gezögert. Dabei ist längst offensichtlich, dass Putin nicht gewillt ist, zu einer Deeskalation der Lage in der Ukraine beizutragen. Spätestens wenn die verkohlten Leichen von Flug MH 17 beigesetzt sind, sollte der Westen deshalb dringend eine neue Phase in der Ukraine-Krise einläuten. Es wird höchste Zeit für umfassende Wirtschaftssanktionen.

Wladimir Putin kann auf lange Zeit kein Partner des Westens mehr sein. Er selbst hat in den vergangenen Wochen wiederholt klargemacht, dass er dies auch gar nicht mehr sein will. Wo er nur kann, attackiert er die EU, den Westen als Ganzes und wirft insbesondere den USA eine aggressive Außenpolitik vor. An seiner Kritik ist nicht immer alles falsch. Eine Rechtfertigung für die zynische und verbrecherische russische Ukraine-Politik kann das aber nicht sein. Ihr gilt es, Einhalt zu gebieten. Vor allem die Deutschen sind aufgerufen, ihre viel beschworene „German Angst“ vor jeder Konfrontation zu überwinden.

Es gibt eine vage Hoffnung, dass die Tragödie von Flug MH 17 Putin und seine separatistischen Erfüllungsgehilfen zwischen Donezk und Lugansk zum Einlenken bewegt. Zu schwer könnte die Last der 300 Toten wiegen. Wahrscheinlich ist das aber nicht angesichts der Skrupellosigkeit des Kreml-Herrschers.