Ich warne Sie: Dies wird ein sehr emotionaler Text. Ich bin zornig. Und traurig. Und ich schäme mich. Zornig bin ich, wenn Politiker wie unser Bundesinnenminister Thomas de Maizière vor einem Kollaps der Asylsysteme warnen. Traurig bin ich, wenn ich verängstigte Menschen in Lampedusa an Land gehen sehe, in eine völlig ungewisse Zukunft. Und ich schäme mich, wenn Deutsche, die in vergleichsweise großer materieller Sicherheit und vor allem in Frieden leben, eben diese Menschen beschimpfen, bedrohen oder gar angreifen.

Die Bilder aus Dresden und anderswo sind schwer auszuhalten. Und jedes noch so bemühte sozialpsychologische Erklärungsmuster kann mir den Hass und die Verachtung nicht erklären, die diesen schutzbedürftigen Menschen entgegenschlägt. Warum kauft ein Mann in Berlin-Marzahn einen Bewegungsmelder, statt den gerade angekommenen Flüchtlingen zunächst mal Guten Tag zu sagen? Warum beschimpfen Rentnerinnen Menschen als Gesindel, die sie noch nicht einmal zu Gesicht bekommen haben?

Die Grundhaltung im Land ist Abwehr. In der Politik und der Gesellschaft. Flüchtlinge, so erklären uns die Verantwortlichen täglich, sind anstrengend, teuer, lästig, stiften Unfrieden, machen Arbeit und nutzen im schlimmsten Fall unser Sozialsystem aus. Wir reden über Probleme. Aber es kommen Menschen. Familien aus Syrien, die vor dem Krieg fliehen. Männer aus Afghanistan, die den Taliban entkommen wollen, Jugendliche aus Afrika, die aus ihren zerfallenden Staaten flüchten, Frauen und Kinder aus Albanien, die sich ein besseres Leben wünschen.

Die Menschen kommen also aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Deutschland. Und es ist ganz nüchtern betrachtet selbstverständlich, dass sie nicht alle gleich behandelt werden sollen. Die einen brauchen Schutz, die anderen nur Geld. Dass sie uns alle als Flüchtlinge begegnen, ist nicht ihre Schuld. Das haben wir, das hat die deutsche Politik zu verantworten. Die Flüchtlinge sind also, wenn man so will, ein selbstgeschaffenes Problem. In jeglicher Hinsicht.

Hätten wir vor vielen Jahren oder gar Jahrzehnten schon den Mut gehabt zu sagen: Jawohl, auch wir sind ein Einwanderungsland – die Lage wäre viel einfacher. Aber unser Beharren auf der Abschottung, auf der nur ausnahmsweise möglichen Zuwanderung, und auch das nur unter ganz bestimmten Bedingungen, hat die Mentalität in Deutschland aufs Negativste geprägt. Jetzt erst arbeiten wir uns mühevoll aus dieser Angst- und Abwehrstarre heraus.

Deutschland braucht endlich ein Einwanderungsgesetz

Die Kanzlerin ist am Wochenende einen guten Schritt gegangen. Sie hat – endlich – zugestanden, dass Deutschland ein Einwanderungsgesetz braucht. Könnten wir Menschen als Einwanderer willkommen heißen, als IT-Experten, als Köchin, als Ärztin, als Reinigungskraft, als Hilfsarbeiter auf dem Bau oder Krankenpfleger, so wäre viel gewonnen. Diese Menschen wären dann keine Bittsteller, sondern Mitbürger. Wir müssten ihnen kein Taschengeld zahlen, sie würden bei uns Steuern zahlen.

Vielleicht war dieser Gedanke vor zehn oder fünfzehn Jahren, als Deutschland noch fünf Millionen Arbeitslose hatte, schwer zu fassen. Aber angesichts der Bevölkerungsentwicklung und der Lage auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland ist es völlig unverständlich, dass wir für diese Menschen die Tore nicht weit aufmachen.

Über die wirklichen Flüchtlinge, über Menschen, die Schutz und Hilfe brauchen, darf nicht mehr öffentlich gestritten werden. Es ist unwürdig und gefährlich, dass Politiker egal, welcher Partei aus Bund oder Ländern oder Kommunen seit Monaten Klage führen auf dem Rücken dieser Menschen. Politiker sind dazu da, diese Probleme zu lösen, nicht darüber zu jammern. Wir sehen hier leider ein Versagen auf ganzer Linie. Wie kann es sein, dass eine Stadt wie Dresden erst zwei Tage vor Ankunft von tausend Flüchtlingen davon erfährt und dann Zeltstädte aufbauen muss, wie im Erdbebengebiet?

Wir wissen seit langer Zeit, dass mehr Flüchtlinge kommen werden. Warum werden Unterkünfte nicht einfach rechtzeitig gebaut oder hergerichtet, statt auf medial inszenierten Krisengipfeltreffen darüber alarmistisch zu beraten? Könnten die Länder nicht mal ausnahmsweise hinter den Kulissen mit dem Bund um Geld streiten, statt ihre Not öffentlich zu zelebrieren?

Um nicht falsch verstanden zu werden. Ich plädiere nicht für eine Nachrichtensperre. Selbstverständlich sollen Missstände und Skandale öffentlich werden. Aber ich plädiere an dieser Stelle im Sinne der Würde der Flüchtlinge und des Friedens im Land schlicht für das Schweigen und die gute Tat.