Kommentar zu Antisemitismus: Kippa, Turban, Glatzen

Der Präsident des Zentralrates der Juden, Josef Schuster, hat sicher recht, wenn er davor warnt, in bestimmten deutschen Gegenden die Kippa zu tragen. Das Schlimme ist freilich, dass die Gegenden so bestimmt nicht sind. 2014 wurden 864 antisemitische Straftaten registriert, zehn Prozent mehr als im Jahr davor. Jeder weiß, dass nur ein Bruchteil der begangenen Untaten es bis in die Statistik schafft. Man wird also von noch deutlich mehr ausgehen müssen.

Ob die sich auf vorwiegend von Muslimen bewohnte Stadtteile konzentrieren, ist nicht bekannt. Davon einfach auszugehen, scheint mir angesichts des rabiat antisemitischen Rechtsradikalismus in deutschen Milieus etwas voreilig. Der Antisemitismus ist in Deutschland nicht angewiesen auf Immigranten, auch nicht auf den Nahostkonflikt.

Niemand weiß das besser als Josef Schuster. Seine Familie väterlicherseits lebt seit Mitte des 16. Jahrhunderts in Unterfranken. Seine Eltern flohen vor der Judenvernichtung nach Palästina. Deren Eltern wurden von Deutschen umgebracht. Josef Schuster wurde 1954 in Haifa geboren. 1956 zog die Familie zurück ins unterfränkische Würzburg. 1998 wurde Josef Schuster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Würzburg. Ein Amt, das sein Vater von 1958 bis 1996 ausgeübt hatte. Seit November 2014 ist Josef Schuster Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland.

In seiner Post sind täglich unflätige Beschimpfungen und wöchentlich Morddrohungen. Ihm eröffnen sich jeden Tag tiefe Einblicke in die Unterwelt des deutschen Gemütslebens. Das vielleicht auch nicht mehr nur das der Deutschen ist. Er lebt zusammen mit seinen Personenschützern. Er erfährt von versuchten Anschlägen. Er hat eine realistischere Einschätzung der Lage, als wir Zeitungsleser und -schreiber.

Er ist aber auch Politiker. Vielleicht hat seine jüngste Mahnung zur Vorsicht beim Tragen der Kippa auch etwas damit zu tun, dass er, als Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu nach dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris die französischen Juden aufforderte, nach Israel auszuwandern, in dieser Zeitung erklärte, er halte jüdisches Leben in Deutschland weiterhin für möglich und sehe derzeit keinen Grund, warum Juden Deutschland verlassen sollten.

Das war vor knapp zwei Wochen. Seitdem hat sich nicht viel geändert. Man wird also die jüngste Äußerung Josef Schusters auch als eine Mahnung lesen müssen, seine Verteidigung der – christlich formuliert – Diaspora nicht als naive Blauäugigkeit zu nehmen. Er kennt die Situation hier, und er kennt die Situation in Israel.

Er habe sich, so erklärt er, vor fünf Jahren nicht vorstellen können, was er heute in Deutschland erlebt. Das erschreckt uns. Denn wir bilden uns immer gern ein, etwas bessere sich. Dabei haben wir nur eine Weile in eine andere Richtung geschaut. Vom Wegschauen ist aber noch nichts besser geworden.

Ich war wohl schon dreißig, als ich das erste Mal eine Kippa sah. Ich musste sie dann auch gleich tragen. Anders hätte man mich nicht auf den Friedhof gelassen. Die Juden, die mit mir auf den Friedhof gingen, nahmen ihre Kippot aus den Taschen und setzten sie erst im Friedhof auf. Draußen trugen sie sie nie. Ich weiß nicht, warum. War es Vorsicht? Oder mochten sie keine Vereinswimpel?

Erst in den letzten zwanzig, fünfundzwanzig Jahren sah ich die Kippa häufiger auch draußen auf der Straße. Mir gefällt das. Es erinnert uns daran, dass wir unterschiedliche Ansichten, dass wir unterschiedliche Herkünfte haben. Die Stadt wird bunter. Darum sehe ich auch gerne Frauen mit bunten Kopftüchern. Beides geschieht natürlich nicht, um meinen ästhetischen Hunger aufs Kosmopolitische zu befriedigen. Beides ist auch Ausdruck eines Stolzes auf die Tradition, aus der man kommt, Ausdruck der Gewissheit, dass man mit dieser Tradition akzeptiert ist in der Straße, in dem Bezirk, in der Stadt, in dem Land, in dem man lebt.

Daran, diese Gewissheit zu stärken, sollten nicht nur Politik und Polizei, sondern wir alle arbeiten. Den Zerfall der Republik in Reviere, in denen sich einzelne Gangs aufführen, als hätten sie darüber zu entscheiden, wer hier leben darf und wer nicht, dürfen wir nicht hinnehmen.

Kippa, Turban, Glatzen – es ist Platz für alle. Überall. Wenn Josef Schuster uns die Reviere nennt, wo er vom Tragen der Kippa abrät, dann sollten wir uns zusammentun, die Kippot aus unseren Taschen nehmen, sie aufsetzen und an einem schönen Tag – lass’ es einen Sonntag sein – an der Kiezpolizei vorbei, lachend durch die Straßen dieses Bezirks ziehen und das ein paar Sonntage lang. Das sollte helfen.