In Chile haben sich nur zwei von fünf Wahlberechtigten an die Urnen bemüht. Rührt das geringe Interesse daher, dass der Sieg von Michelle Bachelet so gut wie sicher war? Oder haben die Chilenen sich von der Politik abgewandt? Vermutlich ist beides richtig. Sicher haben viele, statt wählen zu gehen, lieber Weihnachtseinkäufe gemacht, weil am Ergebnis kaum zu zweifeln war. Und dass die Chilenen sich in den Jahren ihres wirtschaftlichen Aufstiegs entpolitisiert haben, gehört seit Jahren zu den Kernaussagen soziologischer Analysen über die Jahrzehnte nach Pinochet.

Und dennoch: So lebendig bis erbittert wie zurzeit hat die chilenische Gesellschaft schon lange nicht mehr über Reform, Wandel und Erneuerung debattiert, auch wenn nicht alle Bürger daran teilnehmen. Es geht um nichts Geringeres, als aus dem Schatten herauszutreten, den die Diktatur immer noch wirft. Die Verfassung stammt aus der Ära Pinochet, sie sichert der Rechten überproportional starke Machtanteile. Die Ausarbeitung einer neuen Verfassung hätte nicht nur symbolischen, sondern politisch-praktischen Wert. Aber es ist fraglich, ob Bachelet dafür die nötige Mehrheit im Parlament erhält. Bei der Bildungs- und der Steuerreform, die den krassen Neoliberalismus Pinochets korrigieren sollen, ist das leichter. Aber wenn diese Reformen im Ansatz stecken bleiben, dürften bald nicht nur die Studenten auf die Straße gehen.