Als ein Grünen-Parteitag jüngst die Wahlniederlage besprach, trat eine zornige Frau ans Mikro und las der Partei die Leviten. Die Grünen seien als Besserwisser, Rechthaber, Verbotspartei aufgetreten! Ständig sei von Steuern die Rede gewesen, nie von einer Vision! „Total übersteuert“, schimpfte sie, „noch dazu in eine regelrechte Klassenkampfrhetorik verpackt“!

Der Witz ist: Die Frau, die so mutig mit dem grünen Wahlkampf abrechnete, hatte ihn selbst geleitet. Katrin Göring-Eckardt, Spitzenkandidatin der Grünen, beklagte eine Woche nach der Wahl in Wir-Form schlechten Wahlkampf, fehlende Visionen und Rhetorik. Salto statt Selbstkritik.

Erstaunlich, dass die Grünen sie jetzt sogar dafür belohnen: Sie wird für die nächsten zwei Jahre ihre Bundestagsfraktion führen. Das erklärt sich zwar damit, dass deren linker Flügel sie der wirtschaftsnahen Realo-Frau Kerstin Andreae vorzog. Dennoch ist beachtlich, wie viele Neuanfänge die Grünen Göring-Eckardt abkaufen. Schon als sie zur Spitzenkandidatin wurde, erfand sie sich neu: Von der Fraktionschefin unter Rot-Grün, die die Agenda 2010 durchpeitschte, zum sozialen Gewissen, das den Links-Kurs verkörperte. Ein Profil, das sie nach Scheitern des Links-Kurses nun flugs durch ein „Bürgerrechtsprofil“ tauscht – mit Verweis auf ihre DDR-Biografie. Man kann das flexibel nennen. Oder einen Begriff aus DDR-Wendezeit bemühen. Damals sprach man in solchen Fällen von Wendehälsen.