Am Sonntag ist ein neues Land aufgetaucht. Es heißt Sport-Deutschland, und sein Präsident ist Alfons Hörmann. Er führt den Deutschen Olympischen Sport-Bund (DOSB) an und trägt Trauer. Die Niederlage von Hamburg sitzt tief. Sie lässt die Bürger seines Landes bittere Tränen weinen. Vielleicht heulen aber auch nur die Funktionäre. Sport-Deutschland ist ihre Erfindung.

Sport-Deutschland ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Manche munkeln, es wäre ein Paralleluniversum, das sich neben dem richtigen Deutschland gebildet hätte. Es könne über Sportplätze und durch Turnhallen erreicht werden. Auch in Schwimmbädern würden sich Zugänge öffnen, aber nur für jene, die tief genug tauchen. Es sei ein Reich, in dem die Menschen schneller laufen, höher springen und kräftiger rudern als Normalsterbliche. Sie würden hungern, um auf ihr Idealgewicht zu kommen, und sich quälen, um wuchtiger zu radeln als irgendein anderer Mensch auf der Erde.

Angezogen von Ruhm und Ehre, Gold und Silber brechen junge Menschen in dieses Land auf. Sie wollen Drachen töten, Weltrekorde brechen oder Orks mit Speerwerfen zur Strecke bringen. Wenn es nicht richtig läuft, stehen ihnen Druiden zur Seite und locken mit Zaubertränken: anabole Steroide wie Clenbuterol oder Nandrolon, Glykolproteinhormone wie Epo oder ein paar Amphetamine für den Wettkampf zwischendurch. Wo nicht geschluckt oder gespritzt wird, laufen die Drachen dem Konkurrenten in die Hände, bevor ihnen das Fell abgezogen werden kann. Es sei wie eine Komödie, berichten die wenigen, die gesund nach Hause kommen: Die Sportler tun so, als wären die Spiele sauber, während die Zuschauer so tun, als würden sie es glauben.

Wenn Sport-Deutschland aber ein Paralleluniversum ist, dann muss das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine nebelverhangene Insel sein, die zwar längst untergegangen ist, aber trotzdem weiterlebt. Sie ist so unfassbar, dass sie dort, wo sie sich materialisiert – alle vier Jahre bei den Olympischen Spielen – zwar riesige Gewinne einfährt, aber niemals Steuern zahlen muss. Sie wird beherrscht von unantastbaren, greisenhaften Gespenstern, die selbst durch den Nachweis von Korruption nicht vertrieben werden können. Auf ihrer Burg in Lausanne müssen sie sich eine Märchenwelt errichtet haben, denn anders ist es nicht zu erklären, dass sie Olympische Winterspiele an Orten stattfinden lassen, an denen kein Schnee fällt.

Die Verblendung hat einen Punkt erreicht, wo Einsicht unmöglich scheint. Der Geschäftsführer der Bewerbungsgesellschaft in Hamburg sagt, das Konzept habe gestimmt, aber die Begleitumstände nicht – eine Ausrede, die eher bei jugendlichen Intensivtätern zu erwarten wäre. Das IOC assistiert in geübter Verschlagenheit, dass die hohe Zahl der Flüchtlinge wohl zu einer Sensibilisierung in Geldfragen geführt habe, was die Flüchtlinge so schuldig aussehen lässt wie die Hamburger geizig.

Und Alfons Hörmann bemerkt eingeschnappt, dass die olympische Idee und Deutschland im Moment wohl nicht zusammenpassen. Dabei dürfte eher die olympische Idee das IOC verlassen und alles Leben mitgenommen haben. Olympia ist Zombie-Land geworden, eine Welt der Untoten. Da helfen auch keine Tränen mehr.