Die Pferde werden weiter rennen, die Nachtclubs werden weiter voller Tänzer sein.“ Deng Xiaoping, Chinas großer Reformer, hat das gesagt, bevor Hongkong 1997 wieder chinesisch wurde. Er hatte China in den 1980er-Jahren für ausländische Investitionen geöffnet und so den Aufstieg des dahinsiechenden Landes eingeleitet.

Deng war es auch, der Hongkong die politische Formel „Ein Land, zwei Systeme“ verlieh. Sie lässt die Hongkonger zumindest für weitere 50 Jahre, den Kapitalismus pflegen. Mittlerweile hat auch die Kommunistische Partei selbst den Kapitalismus entdeckt – doch Hongkong entdeckt gerade etwas anderes: die Demokratie.

Die Pferde rennen tatsächlich noch weiter in Hongkong, die Nachtclubs haben sich nicht geleert, die Bars und Malls sind selbst in Tagen des Protests voll. Das aber reicht vielen Bürgern nicht mehr. Hongkong ist eine andere Stadt geworden. Sie wehrt sich gegen eine schlechte Regierung, gegen Nepotismus und Korruption, die aus China nach Hongkong eingewandert sind, gegen die Gewalt des chinesischen Politiksystems in einer Stadt, die so lange ein asiatisches Muster an Rechtsstaatlichkeit und freier Marktwirtschaft war.

Durch die Sorge, eine normale chinesische Stadt zu werden, in der die Bürgerrechte mit Füßen getreten werden, sind einige Bürger nun aufgewacht. Geweckt von einer Jugend, die das Leben unter der britischen Krone gar nicht kennengelernt hat, die aber sehr gut um den chinesischen Einfluss weiß und die KP verabscheut.

Nicht alle in Hongkong sind gegen Peking, die milliardenschweren Unternehmer stehen auf der Seite der Regierung. Sie machen auch ihre Geschäfte in Festlandchina. Doch die, die die wirtschaftliche Not in der Stadt immer mehr beunruhigt, Studenten vor allem, die nach dem Abschluss kaum einen Job finden, der ihnen ein Auskommen in dieser überteuerten Stadt garantiert – sie wollen die Freiheiten behalten, die sie in Hongkong noch haben. Sie wollen sogar mehr. Eine freie Wahl, die ihnen Peking versprochen hatte und nun durch seine groteske Wahlreform verweigert.

Die Jugend treibt seit Tagen die Regierung ihrer Stadt vor sich her. Sie piesackt den chinesischen Riesen in Peking, der jetzt verletzt dahintaumelt, weil ein paar Jungen und Mädchen ihre Macht entdeckt haben. Die Macht der Straße, die China glaubte, unter Kontrolle zu haben. Jetzt aber gibt es wieder Bilder, die an den Aufstand in Peking vor 25 Jahren erinnern. An Tiananmen, an die friedlich demonstrierenden Studenten, an Bürger, Arbeiter. Damals hetzte der Staat seine Armee aufs Volk und ließ es niedermetzeln.

Das macht den Hongkongern Studenten Angst. Das aber macht auch der Pekinger Führung Angst. Eine aufgebrachte Menge kann es für seine viel gepredigte Harmonie und Stabilität nicht gebrauchen und reagiert, zumindest auf dem Festland, mit dem Mittel, das es über Jahrzehnte erprobt hat – Zensur. Die breite Masse in China weiß nichts über die Proteste in Hongkong.

In Hongkong selbst kann Peking allerdings nicht so durchgreifen. Eine Demokratie ist Hongkong zwar nicht, aber einen gut funktionierende Rechtsordnung hat die Stadt weiterhin. Sie hat Mechanismen, die Peking nicht hat, starke Institutionen, die die Macht ausbalancieren.

Auch im Westen wäre kaum eine Regierung froh, wenn ihr Regierungssitz über Tage blockiert, das Stadtzentrum lahmgelegt wäre. Doch westliche Demokratien haben Werkzeuge, um mit Protesten umzugehen. Es gibt so etwas wie runde Tische und unterschiedliche Organisationen, die sich mit Krisen und Konflikten beschäftigen. China kennt das alles nicht. Deshalb wäre es auch naiv zu glauben, der Funken, der in Hongkong gezündet hat, könnte nach Festlandchina überspringen.

Chinas Regierung erstickt jedes Bürgerengagement, es fehlt eine Zivilgesellschaft, wie sie nun in Hongkong agiert. Die Demonstranten dort kämpfen in erster Linie für ihre Stadt. Sie sehen in ihrem Aufstand kaum ein Signal für die Festlandchinesen. Sie wollen vor allem ihre Sonderstellung durch Peking nicht untergraben wissen.

Dass ihr Zorn sich mittlerweile verstärkt auf ihren eigenen Regierungschef wendet, scheint ein geschickter Schachzug. So reizen sie Pekings KP vorerst nicht weiter und schaffen eine erste Plattform für Gespräche. Leider jedoch ist die Parteiführung nicht interessiert an Gesprächen mit „Radikalen“, wie sie die Demonstranten stets nennt.

Denn sie hat nie gelernt nachzugeben, aus Angst, ihr Gesicht – ihre Macht – zu verlieren. Doch je mehr Peking und seine Marionetten in Hongkong die Demonstranten zum Rückzug auffordern, desto mehr von ihnen strömen auf die Straßen. Es bahnt sich eine Konfrontation an. Keine Lösung.