Sind wir der Hegemon? Der Begriff wurde während der Perserkriege geprägt. Athen betrachtete sich als Hegemon im Attischen Seebund, als die Macht, die keinem etwas zu befehlen hatte, ohne die aber nichts lief. Carl Schmitt brachte den Begriff wieder ins Gespräch, als er nach dem Zweiten Weltkrieg die USA als neuen Hegemon bezeichnete. Die USA waren damals – nicht nur in Deutschland – Besatzungsmacht. Also eher, so argumentierte der britische Historiker Niall Ferguson, ein Empire als ein Hegemon. Die USA seien klug genug, ihr Empire nicht als solches zu bezeichnen.

Sind wir der Hegemon? Wollen wir es sein?

Im März des Jahres erschien Herfried Münklers Buch „Die Macht in der Mitte. Die neuen Aufgaben Deutschlands in Europa.“ Am 21. August brachte er zentrale Überlegungen des Buches in einem Artikel in der FAZ, diesmal unter dem Titel „Wir sind der Hegemon“ unter die Leute. Seitdem geht es hin und her: Sind wir der Hegemon? Wollen wir es sein?

Deutschland ist politisch, wirtschaftlich und – Verzeihung – auch kulturell in Europa wohl tatsächlich im Augenblick der Hegemon. Wir sind auch die größten Waffenexporteure der Europäischen Union. Die Syrer zum Beispiel, die jetzt nach Deutschland fliehen, fliehen vor deutschen Waffen zu uns. Das ist nicht wirklich verwunderlich. Der britische Historiker Brendan Simms hat eine sehr lesenswerte „deutsche Geschichte Europas“ geschrieben, die die Geschichte des Kontinents als einen Kampf um die Vorherrschaft über seine Mitte liest.

Nun, da die Mitte von einem geeinten Deutschland beherrscht wird, sorgen alle ökonomischen und geopolitischen Faktoren dafür, dass Deutschland die größte Macht des alten Kontinents ist. Freilich winzig im Vergleich zur Ausdehnung Russlands.

Deutschland hat nicht die Macht, irgendjemandem vorzuschreiben, was er zu tun hat. Selbst das winzige Griechenland – ein Bruttoinlandsprodukt unter dem Hessens – haben nicht etwa Schäuble und Merkel bezwungen, sondern es mussten 18 EU-Staaten zu einer Haltung gegenüber Griechenland zusammenfinden. Dass die Bundesrepublik dabei eine wichtige Rolle gespielt hat, spielen musste, das ist richtig. Aber sie hätte niemals allein diese Rolle spielen können. Wenn man das unter einem Hegemon versteht, dann ist – da hat Münkler recht – die Bundesrepublik dazu verdammt, ein Hegemon zu sein.

Das heißt dann vor allem, dass sie keine Alleingänge riskieren darf, dass sie darauf angewiesen ist, für ihre Politik Partner zu finden, ja dass sie eine gemeinsame Politik entwickeln muss, von der alle etwas haben, weil sie von allen getragen werden muss. Der Hegemon ist gerade nicht der, der diktieren kann, was Sache ist. Er ist der, der um das Gewicht weiß, das er in die Waagschale werfen kann, der aber auch die Grenzen seiner Möglichkeiten sieht.

Hegemon ist nicht der Führer

Der Hegemon ist nicht der Führer, nach dem alle sich sehnen. Der Hegemon ist ein Vermittlungsausschuss, dessen Größe ihm auch klar macht, in welchem globalen Kräftespiel er sich bewegt mit seinem attischen Seebund. Der war damals ein Haufen lästiger Flöhe am westlichen Rand des Perserreiches, das unter Darius dem Großen (etwa 500 v. Chr.) von Libyen bis China reichte. Athen war der Hegemon im Bund einiger Dörfer. Der Hochmut der Weltreiche, das sehen wir an diesem Beispiel, ist nicht angebracht. 150 Jahre später brachte der Mazedonier Alexander das Perserreich zu Fall. Nachdem sein Vater schon den Hegemon Athen besiegt hatte.

Europa wird zerbrechen, wenn es nicht zusammensteht. An welcher Front das geschehen wird, wissen wir nicht. Sigmar Gabriel sieht die Flüchtlinge als derzeit größte Herausforderung. Europa scheint zu glauben, die Annexion der Krim durch Russland unbeschadet überstanden zu haben. Zur Aufgabe der Ostukraine scheint es ebenfalls bereit. Wird es zusammenstehen, um Russland Grenzen zu setzen? Wie viel Nord-Süd-Gefälle kann Europa vertragen? Wenn Griechenlands Schulden (317,3 Milliarden Euro) schon die Europäische Union an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben, wie soll die EU sich dann ihren Gesamtschulden (mehr als 13 Billionen) stellen?

Wer Münklers Buch, wer seinen Artikel liest, der wird feststellen, dass es ihm vor allem darum geht, dass Deutschland seinen wohlgenährten Leib nicht auf der faulen Haut liegen lassen darf, sondern dass es, weil es wohlgenährt ist, sich einsetzen, mit gutem Beispiel vorangehen muss, damit niemand sich einbildet, das Heil käme von der politischen Abstinenz, vom Verzicht darauf, sich um das Ganze zu kümmern. Wer soll sich rühren, wenn sich Deutschland nicht rührt? Wer kann sich rühren auf dem europäischen Kontinent, ohne dass Deutschland sich rührt?