Kommentar zu falschen Meinungen und Diskussionsanleitungen: Die volkerziehenden Medien

Die Wiedervereinigung könnte ein Fehler gewesen sein. So schrieb neulich Kollege Fleischhauer auf Spiegel Online. Wegen der zivilisationsfernen, gottlosen Ostdeutschen. Oh. Das tut mir leid. Ich komme auch aus der Zone. Wird nun alles zurückgedreht? Kriegen wir Egon Krenz wieder? Aber die Playstation und etwas Westgeld darf ich doch behalten?

Dabei hatte ich gerade angefangen, mich zu Hause zu fühlen. Auch beruflich. Weil, ich habe einen Abschluss als sozialistischer Diplomjournalist. Eine meiner Kernkompetenzen ist laut Lehrbuch, „durch tägliches Eingreifen in die Bewegung das bisher Erreichte und das zu Erreichende mit dem zu verbinden, was im Moment möglich, notwendig und zweckmäßig ist“. Ab 1989 wurden derartige Qualifikationen weniger nachgefragt. Fortan sollte ich mich mit keiner noch so guten Sache gemeinmachen und den mündigen Leser für voll nehmen. Ich habe mich stets bemüht. Andererseits: Gelernt ist gelernt.

Intensivpädagogik

Seit einiger Zeit beobachte ich in den Medien eine Stärkung der, nennen wir es: volkserzieherischen Komponente. Vielleicht ist das nur Einbildung. Aber es fühlt sich heimelig an, wie da intensivpädagogisch an halbdunkeldeutschen Angsthasen und Skeptikern gearbeitet wird: Sag mir, wo du stehst. Zurück oder vorwärts, du musst dich entschließen. Wir oder die? Sonst lädst du dem Feind die Flinte. Ach, Heimat, deine Lieder.

Mein schönstes publizistisches Weihnachtsgeschenk war, ebenfalls auf Spiegel Online, eine „Anleitung zum Widerspruch“, verbunden mit dem Appell: „Streiten Sie ruhig an den Feiertagen – aber richtig“. Das war es, was mir noch fehlte.Dieses instruktive Moment. Wie diskutiert man politisch richtig? Das Problem ist nämlich: Wenn man Leute sich selbst eine Meinung bilden lässt, kommt dabei manchmal eine falsche Meinung heraus. Das heißt, sie entspricht nicht dem, was im Moment möglich, notwendig und zweckmäßig ist. Die Widerspruchsanleitung gliederte sich in zwölf Themenbereiche. Sollte James Bond von einem schwarzen Darsteller gespielt werden? Macht Vegetarismus krank? Schaffen wir das?

Eigener Nachholbedarf

Vorgegeben waren feindlich-negative Äußerungen wie „Die EU ist ein Bürokratiemonster“, „Die Ehe ist für Mann und Frau gedacht“ oder: „Man muss besorgte Bürger ernst nehmen“. Unter dem Motto „So kontern Sie darauf“ folgten jeweils die amtlich beglaubigten Gegenargumente.

Ich arbeitete das Unterrichtsmaterial akribisch durch. Dabei fiel mir auf, dass ich selbst in einigen Punkten noch keinen gefestigten Klassenstandpunkt hatte. Ich fühlte mich labil, unreif und verführbar. Zum Glück gab es jetzt diese Handreichung. Und, was soll ich sagen: Sie funktionierte. Unterm Tannenbaum blieb es ruhig. Schwiegervater ahnte wohl, dass ich die gültigeren Argumente hatte. Oder er hatte den Lehrstoff ebenfalls auswendig gelernt und wartete nur auf eine Steilvorlage meinerseits.

Das Land braucht mehr von solchem Stoff. Lenin hat gesagt, dass die progressive Presse kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator zu sein habe. Heute verzichte ich noch darauf, diesen Text durch Merksätze zu ergänzen. Trotzdem sollte jeder Leser ihn gründlich studieren. Sonst gibt es beim nächsten Mal eine Leistungskontrolle.