Deutschland erlebt derzeit eine seltsame Umkehrung der Verhältnisse. Nicht das Volk zaudert, sondern die Regierenden. Nicht die Regierenden gehen voran, sondern das Volk.

Dass die Bundeskanzlerin am Sonntagnachmittag die Entscheidung verbreiten ließ, die Grenzen würden für Flüchtlinge wieder geschlossen, war schockierend. Die selbe Kanzlerin, die wenige Tage zuvor mit bemerkenswertem Pragmatismus und Empathie sagte: „Wir schaffen das!“, weicht vor den Folgen zurück? Merkel als „Orban light“? Ganz so schlimm ist es nicht gekommen. An den Grenzen wird zwar kontrolliert, aber am Montag fuhren wieder Züge. Es trat ein, was offenbar beabsichtigt war: etwas mehr Ordnung, etwas mehr Kontrolle, etwas mehr Zeit.

Hauptsächlich aber war die rabiate Umkehr eine Botschaft an die aufnahmeunwilligen EU-Länder: Deutschland ist nicht länger bereit, eure Weigerung zu tolerieren. Und es war eine Geste an die Bundesländer und Kommunen: Wir sehen eure Grenzen. Beides war vielleicht (partei-)politisch vernünftig. Aber war es gesellschaftlich klug?

Zunächst bleibt der Eindruck einer überforderten Politik, einer kollabierenden Bürokratie. Deutschland zieht die Notbremse. Kaum eine Woche hält die Regierung ihre selbst ausgerufene Willkommenskultur durch. An Bahnhöfen und Erstaufnahmestellen jubeln noch die Bürger. Die vielen Helfer, die Unterstützer, die Bürgergruppen, die ehrenamtlichen Ärzte und Dolmetscher müssen sich fragen, warum sie es eigentlich schaffen, wenn der Staat mit seinem großen Apparat kapituliert.

Hat die Regierung zu viel versprochen? Kann man sich nicht darauf verlassen, dass wir es schaffen? Wir wissen aus vergleichbaren Situationen, dass die Akzeptanz der Bevölkerung langfristig abhängig ist von den Signalen, die Regierung und Verwaltung aussenden. Deshalb war Merkels „Wir schaffen das!“-Satz so enorm wichtig.

Bald stellen sich schwierigere Fragen

Wichtig war auch, dass sie nicht mit Emotionen oder dem Nutzen der Flüchtlinge argumentiert hat. Sie hat ganz nüchtern an die Leistungsfähigkeit des Landes appelliert und pragmatisch klar gemacht: Die Flüchtlinge sind anstrengend, sie kosten uns etwas – aber wir schaffen das. Die Flüchtlinge haben ein Recht, und das Asylrecht ist ein Menschenrecht. Sie sind nicht vom Vorrat unserer überschwänglichen Gefühle oder den vermuteten Kapazitäten unserer Verwaltung abhängig.

Das muss die Basis unserer Bemühungen sein. Und wenn diese Basis nicht stimmt, haben wir keine Chance, mit der von Tag zu Tag schwierigeren Lage fertig zu werden. Wenn Verwaltung und Regierende nicht ohne Zweifel vorleben, dass es möglich und selbstverständlich ist, diese Menschen aufzunehmen, sie zu versorgen und mit ihnen gemeinsam nach einer Perspektive zu suchen, dann haben wir heute schon verloren.

Noch ist die Lage vergleichsweise einfach. Noch geht es nur um die Menge von Feldbetten, um Essen und Kleidung. Bald aber stellen sich die schwierigen Fragen: Haben wir genug Plätze in den Schulen für alle Kinder? Wer darf wie und was studieren? Welche Ausbildungen werden anerkannt? Wo wohnen die Flüchtlinge? Wie verhindert man die Bildung von Ghettos? Was heißt eigentlich Integration in die Mitte der Gesellschaft? Wie viel eigene Kultur oder Religion wollen wir zulassen? Zu wie viel Veränderung unserer Werte, unserer Gewohnheiten, sind wir bereit?

Deutschland wird sich verändern... Aber wie geht dieser Satz weiter? Zum Guten? Zum Schlechten? Oder wird einfach alles anders? Womöglich ist es von allem etwas. Doch ob das Land mit seinen neuen Mitbürgern klarkommt, wird in erster Linie davon abhängen, ob wir sie als Freunde oder als Fremde betrachten. Ob wir, wenn sie einmal als Asylsuchende anerkannt sind und dauerhaft bleiben, für sie Platz machen.

Denn eines ist klar: Es wird enger werden in Deutschland. Enger in vielerlei Sinn. Die Städte werden voller, der Wohnraum wird knapper, der Andrang auf dem Arbeitsmarkt größer. Die Lebensvorstellungen und die Religionen werden vielfältiger, die Kultur wird reicher.

Das Land wird multikultureller. Das ist gut, sofern man das nicht als romantische Wohlfühlveranstaltung betrachtet. Multikulti ist anstrengend. Es wird viel Toleranz auf der Seite derer nötig sein, die schon lange hier leben, um Neues nicht als Bedrohung zu empfinden. Es wird aber auch viel Toleranz und Anpassungsbereitschaft der neuen Bürger gebraucht, um aus Vielfalt nicht Konkurrenzkampf werden zu lassen. Also wollen wir wieder einmal das schier Unmögliche? Nein. Es ist das Nötige. Und wir schaffen das!