Kommentar zu Frankreich: Resignation statt Aufschrei

Das Datum des 21. April 2002 hat sich tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben. Es steht in Frankreich für einen demokratischen Sündenfall. An jenem Tag war der damalige Chef des rechtsradikalen Front National, Jean-Marie Le Pen, überraschend in die Stichwahl vorgedrungen und hatte den Sozialisten Jospin aus dem Präsidentschaftsrennen geworfen. Ein landesweiter Aufschrei der Empörung war die Folge. Sozialisten und Rechtsbürgerliche schlossen die Reihen, verhalfen Jacques Chirac und der Demokratie zu einem überwältigenden Sieg.

Gut zwölf Jahre später ist es erschreckend still. Dabei hat der Front National erneut triumphiert, ist bei den Europawahlen zur stärksten politischen Kraft avanciert. Wieder sind die Sozialisten abgeschlagen auf Platz drei gelandet, was umso schlimmer ist, als sie doch in der Regierungsverantwortung stehen und das in der Wirtschaftskrise steckende Land auf Kurs zu bringen haben. Gewiss, Marine Le Pen hat den alten fremdenfeindlichen Parolen ein gefälliges Äußeres verpasst. Gift für ein gesellschaftliches Zusammenleben sind sie nach wie vor. Doch wo einst ein Ruck durch die Reihen ging, ist nur noch Resignation. Die zum Sparen verdammten Sozialisten hoffen auf bessere Zeiten. Die in Affären verstrickten Bürgerlichen liefern sich die üblichen Führungskämpfe. Als hätte es einen zweiten Sündenfall nie gegeben.