Irgendwann, wenn sich der erste Jubel gelegt hat, werden die Fragen kommen. Was bedeutet die Wahl des ersten Deutschen zum Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees eigentlich? Was wird anders im IOC unter Thomas Bach? Und welche Folgen hat dessen Thronbesteigung für den deutschen Sport?

Gut möglich, dass die Antworten ernüchternd ausfallen werden. In mehr als sieben Jahren an der Spitze des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ist der ehemalige Weltklasse-Fechter jedenfalls nicht durch besonderen Reformeifer oder zündende Ideen aufgefallen. Er verwaltete routiniert den Status quo, sorgte für eine Ruhe im eigenen Laden, die so mancher als Grabesstille empfand, und reduzierte die Ansprüche des organisierten Sports an die Regierenden in Berlin weitgehend auf Budgetfragen. Diskuswerfer Robert Harting, einer der wenigen deutschen Spitzensportler, die noch reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, hatte dem Prädikatsjuristen aus Tauberbischofsheim denn auch kräftig die Daumen gedrückt – auf dass dessen Herrschaft im DOSB endlich enden möge.

In gewisser Weise bedient die Wahl von Thomas Bach eine zeitgemäße, weil harmlose Spielart unserer Sehnsucht nach nationaler Größe. Wir waren Papst, nun sind wir auf dem Olymp. Na und? Zur Behauptung, das eine oder andere habe größere Relevanz für die Lebenswirklichkeit der Menschen in Deutschland, können sich nur strenggläubige Katholiken und Sportfunktionäre versteigen. In Wahrheit ist es doch so: Bach steht nun einem multinationalen Sportkonzern vor, der den berühmtesten Wanderzirkus der Welt betreibt. Der wiederum gastiert – mal mit seinem Sommer-, mal mit seinem Winterprogramm – jeweils dort, wo ihm der dickste rote Teppich ausgerollt wird. Und Staatenlenker stehen strammer als beim G.20-Gruppenbild, wenn die Zirkusdirektion darüber befindet, ob der für ein Gastspiel versprochene und mit Milliarden herbeigebuddelte Rahmen den Ansprüchen genügt. Ein absurdes Schauspiel.

Es sind die Spitzensportler und ihre bemerkenswerten Leistungen, denen das IOC seine so angemaßte wie anmaßende Rolle verdankt. Das Milliardenspiel, die Ränke, das politische Geschacher: Das alles wird einzig und allein möglich gemacht durch die Faszination, die der Leistungssport auf viele Menschen unverändert ausübt. Durch den so naiven wie wunderbaren Glauben an jene Werte, die von den Funktionären im Dutzend billiger beschworen und ebenso bereitwillig mit Füßen getreten werden.

Alles spricht dafür, dass die hoffnungslos anachronistische Weltregierung des olympischen Sports unter Thomas Bach einfach so weitermachen wird wie bisher. Und bis zum Beweis des Gegenteils muss der neue IOC-Präsident als genau der Mann gelten, der diese Kontinuität garantiert. Er kann versuchen, das Zirkusprogramm um ein paar Attraktionen zu bereichern, aber das konnte er schon zuvor. Und er könnte seine Landsleute ermuntern, ein paar Clowns in die Manege zu schicken, um daran zu erinnern, dass ein Gastspiel in Deutschland vielleicht mal wieder ganz lustig wäre. Auch gut. Thomas Bach ist bloß Chef eines florierenden Unternehmens der Unterhaltungsbranche geworden. Und nicht Papst.