In Jerusalem toben wütende Straßenproteste in den arabischen Vierteln, tödliche Anschläge an Straßenbahnhaltestellen sorgen für alarmierende Schlagzeilen. Die Akteure sind ein paar Hundert Jugendliche, die sich als Retter der Al-Aksa-Moschee sehen. Die meisten Bewohner, selbst im arabischen Ostteil der Stadt, beobachten die Unruhen mit großer Besorgnis. Jetzt hat die Furcht davor, dass der Disput auf dem Tempelberg, dieser im Judentum wie im Islam heiligen Stätte, eine unkontrollierbare Rebellion, eine Intifada, entfacht, auch den Westen mobilisiert.

Jedenfalls initiierte US-Außenminister John Kerry Donnerstagabend eine Krisenrunde in Jordanien mit König Abdullah und dem überraschend aus Israel eingeflogenen Premier Benjamin Netanjahu. Diesen beiden und ebenso dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas, den Kerry zuvor in Amman getroffen hatte, rang er das Versprechen ab, sich um die Deeskalation der explosiven Lage zu bemühen. Auch Frank-Walter Steinmeier, Kerrys deutscher Amtskollege, wird mit Sicherheit bei seinem Besuch am Wochenende in Israel und dem Westjordanland ähnliche Appelle zur Besonnenheit formulieren.

Reichen wird das nicht. Die Versuche, die Lage zu entspannen, sind Konfliktmanagement, mehr nicht. Als Zeichen des guten Willens hat Netanjahu zwar verfügt, die Altersbegrenzung beim Freitagsgebet aufzuheben, deretwegen in den vergangenen Wochen nur Muslime über 50 oder 35 Jahren zur Al-Aksa-Moschee durften. Schließlich fachten die Protestgebete von Palästinensern, die auf dem Straßenpflaster niederknieten, die Empörung in den arabischen Stadtteilen an. Schwer bewaffnete Grenzpolizei soll dort aber weiter patrouillieren. Schon gar nicht denkt Israel daran, die Befehle zum Abriss von Häusern zurückzunehmen, in denen die Familien von Attentätern leben – arabischen wohlgemerkt, für jüdische, wie die nationalistisch motivierten Mörder eines 16-jährigen palästinensischen Jungen, gilt das nicht. Was angeblich der Abschreckung dient, provoziert vermutlich neue Rachegelüste, es den israelischen Besatzern zu zeigen.

Jerusalem hat viele potenzielle Brandherde, und unter der Oberfläche schwelen sie weiter. Auch wenn Netanjahu glaubhaft versichert, den Status quo auf dem Tempelberg zu respektieren, um zumindest das gefährlichste aller Pulverfässer im israelisch-palästinensischen Konflikt aus der Schusslinie zu ziehen. Der Siedlungsbau im annektierten Ostteil, das krasse soziale Gefälle zwischen dem jüdischen und arabischen Jerusalem, sind ebenfalls politischer Sprengstoff und werden, solange Netanjahu regiert, wohl auch keinesfalls entschärft werden.

Die „Jerusalemer Intifada“ hat die unsichtbare Teilungslinie in dieser Stadt, die vorgeblich auf ewig vereint ist, nur wieder bewusster gemacht. Was derzeit im Kosmos dieser „heiligen Stadt“ passiert, sollte eine Warnung an alle sein, die glauben, ohne eine politische Lösung auskommen zu können. Das bi-nationale Jerusalem führt Israelis und Palästinensern vor, wie es sein wird, wenn es keine Zwei-Staaten-Lösung gibt.