Es gibt das sprachlich etwas einfache Lied von Ingo Appelt mit der schönen Zeile: „Du bist ein Hoeneß. Du bist Hoeneß. Das ist das Schimpfwort der Saison./Du bist ein Hoeneß. Du bist ein Hoeneß. Er ist das Ekel der Nation.“ Ganz so schlimm ist es nicht mit Jean-Claude Juncker. Aber der neue Präsident der EU-Kommission hat ein Problem. Er hat einen Neustart für Europa versprochen. Doch kaum im Amt wird Juncker von seiner Vergangenheit als luxemburgischer Premier und Finanzminister eingeholt. Steuermindernde Tricks für Großkonzerne, die Luxemburgs Finanzbehörden gewährten – und gewähren. Juncker hat dafür jetzt die politische Verantwortung übernommen. Das ist gut. Und er hat eine Regelung angekündigt: Die EU-Staaten sollen sich künftig gegenseitig informieren, wenn sie solche Deals gewähren. Nur reicht das nicht aus.

Juncker ist zwar kein Hoeneß. Er hat sich nicht mit windigen Börsengeschäften bereichert. Aus dem Amt scheiden muss er deshalb nicht. Aber er hat Europas Steuerzahler hintergangen. Und so muss Juncker sein neues Amt nutzen, um für mehr Steuergerechtigkeit zu sorgen.

Aus der Debatte lässt sich einiges lernen. Erstens über die europäische Öffentlichkeit: Sie zerfällt in die Berufseuropäer aus Brüssel und außenstehende Beobachter. Die Berufseuropäer zuckten in der Vorwoche nur leicht, als vierzig europäische Medien das Luxemburger Steuersparmodell dechiffrierten. Ist doch längst bekannt. Und alles legal. Das stimmt. Aber das macht es nicht besser. Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Und so brauchte es ein wenig, bis das Kerneuropa rund um die Brüsseler Bürotürme begriff, was da gerade vor sich geht.

In einem Europa, das Banken mit Milliarden rettet und dessen Staaten kräftig die Etats kürzen, ist mit Steuersparmodellen für Konzerne nicht zu spaßen. Steuergerechtigkeit erhält in Krisenzeiten eine neue Bedeutung. Das weiß nun auch Juncker. Die gute Botschaft rund um Junckers Luxemburger Steuergeschenke lautet daher: Früher oder später holen sie einen ein.

Die Affäre lässt sich jetzt personalisieren oder politisieren. Und so lernt Europa in diesen Tagen etwas über die Skandalisierung von Politik. Juncker schwieg lange. Die Affäre köchelte weiter. Dann entschied sich der Kommissionspräsident zu reden, gestand geschickt Fehler ein und ergriff mit dem Vorstoß zum automatischen Informationsaustausch die Initiative. Aus einer möglichen Affäre Juncker wurde so eine Steuerdebatte. Das ist geschickt. Und typisch Juncker.

Die schnelle Forderung nach einem Misstrauensvotum im Europaparlament beziehungsweise gar Junckers Rücktritt verpuffte. Nicht allein wegen des lustigen Akzents des Luxemburgers. Sondern, weil Juncker nicht allein ist. Europas regierende Parteien erlauben sich manchen Steuertrick, der zwar legal ist, aber moralisch verwerflich: Die Niederlande locken Ikea und Starbucks mit Stiftungsmodellen, Österreich hütet sein Bankgeheimnis, Belgien verzückt Frankreichs Reiche mit Steuervergünstigungen, Zypern lockt Schiffsgesellschaften – auch aus Deutschland – mit Niedrigsteuern, Irland ködert Apple & Co mit Niedrigsteuern und Finanzkonstrukten, die es Firmen erlauben, ihr Geld in die Karibik zu verschieben. Steuerfrei. Das ist staatliche Beihilfe zum Steuerbetrug. Juncker ist überall. Die Bereitschaft zur Empörung ist in mancher europäischen Hauptstadt also gering.

Solche Modelle mögen sich für den einzelnen Staat rechnen. Nicht aber für Europa als Ganzes. Es ist nicht nur für Europas Etat schädlich, sondern auch Europas Wirtschaft abträglich. Es ist daher unsinnig von LuxLeaks zu sprechen. Es geht um EU-weiten Steuerbetrug. Genau genommen sogar um noch viel mehr. Deshalb muss im Rahmen der G20 vorgegangen werden. Schließlich enthüllte vor zwei Jahren die Geheimnisse von Steueroasen in der Karibik. Passiert ist bislang wenig. Das Kapital ist findig. Die Politik langsam. In Luxemburg sollen derzeit 500 Milliarden Euro friedlich schlummern. Der Ökonom Gabriel Zucman hat zudem jüngst errechnet, dass weltweit 5 800 Milliarden Euro Steuern hinterzogen werden.

Es reicht also nicht aus, die Steuerschlupflöcher in Europa zu schließen. Europa muss sich auch Gedanken machen, wie kleine Mitgliedstaaten finanziell überstehen. Am Ende werden nicht nur strengere, EU-weite Steuerregeln stehen müssen, sondern ein europäisches Transfersystem. LuxLeaks erhöht den Druck, endlich zu handeln. Auch für Jean-Claude Juncker. Er hat in der Affäre an Glaubwürdigkeit verloren – und nun fünf Jahre Zeit, sie mit strengen Steuerregeln in Europa zurückzugewinnen. Vergangenheit verpflichtet.