Der Berliner Senat hätte vorbereitet sein können. Seit mindestens zwei Jahren zeichnet sich ein Anstieg der Flüchtlingszahlen ab, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie wir es seit Anfang September erleben. Häuser hätten gebaut, leer stehende Immobilien ertüchtigt, Wohnungen zur Verfügung gestellt werden können. Doch eine Diskussion über die Fehler der Vergangenheit führt zu nichts, die Asylsuchenden sind da und müssen untergebracht werden.

Nun sucht die Koalition mit dem früheren Flughafen Tempelhof die große Lösung. Nachdem dort bereits drei Hangars mit 2300 Menschen belegt sind, sollen bald alle Hallen genutzt sowie Traglufthallen unweit des Vorplatzes aufgestellt werden. Letzteres dürfte immerhin die Kritiker einer temporären Randbebauung des Feldes einigermaßen zufriedenstellen, von der die Politik nun größtenteils Abstand genommen hat.

Dennoch machen es sich die Verantwortlichen zu einfach: Anstatt mehrere kleine Unterkünfte aufzutreiben, werden Tausende Menschen an einem überdimensionierten Standort untergebracht. Welches Risiko solche Massenunterkünfte bergen, haben die Schlägereien unter den Geflüchteten in Tempelhof am vergangenen Wochenende gezeigt. Wer Menschen unter unwürdigen Bedingungen zusammenpfercht, darf sich nicht wundern, wenn sie die Nerven verlieren.

Auf dem Gelände wird, was die Zahlen betrifft, eine Kleinstadt entstehen. Ohne erträgliche Wohnbedingen, Beratungsangebote für die Neu-Berliner, Kinderbetreuung, medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten wird sich jedoch kein echtes Gemeinwesen entwickeln. Das Experiment auf dem Flughafen, der einst für die Verteidigung der Freiheit stand, muss gelingen. Ansonsten droht die Gefahr, dass Tempelhof in einem Atemzug mit dem berüchtigten Lageso genannt wird. Es wäre ein zweifacher Ausweis für staatliches Scheitern.