Seit Viktor Orban in Ungarn an der Macht ist – das sind inzwischen schon fünf Jahre –, hatte Angela Merkel Budapest kein einziges Mal besucht. Auch am Montag nahm sich die Kanzlerin nicht wirklich Zeit. Viel mehr Distanz zu einem „Parteifreund“ kann sie kaum zeigen. Es ist auch heikel, neben einem rechtskonservativen Egomanen zu stehen, der die demokratischen Institutionen seines Landes aushöhlt, bis nur noch deren brüchige Fassade steht.

Doch nach einer Kritik an den inneren Befindlichkeiten dieses autokratischen Regimes mitten in Europa stand Merkel nicht der Sinn. Sie habe darauf hingewiesen, sagte sie, dass da was nicht ganz zufriedenstellend laufe. Das plötzliche Interesse Merkels an Budapest wie auch die Visite des russischen Präsidenten Putin in zwei Wochen hat den gleichen Grund. Beide wollen wissen, ob auf Orban Verlass ist. Es geht natürlich um die Russlandsanktionen und beide Besucher verstehen unter Verlässlichkeit völlig Unvereinbares.

Die Kanzlerin wollte wissen, ob Orban zu seiner Verankerung in der EU steht. Putin wiederum sucht zu erfahren, ob Orban Russlands Stimme in Brüssel ist. Das scheint für den russischen Präsidenten nicht mehr ganz so dringlich, seit die Links-rechts-Koalition in Griechenland regiert. Die EU aber braucht immer Einstimmigkeit, sollen die Strafmaßnahmen verlängert werden. Weil sie das will, konnte Merkel nicht anders, sie musste freundlich zu Orban sein.