Der Wahlausgang in Chile ist keine Überraschung. Dennoch war es der aufregendste Urnengang seit dem Ende der Diktatur. Dass die Sozialistin Michelle Bachelet zwar vorn liegen, den Sieg im ersten Wahlgang aber nicht schaffen würde, hatte sich in Umfragen abgezeichnet. Sie muss nun gegen die Kandidatin der Rechten in die Stichwahl. Die wird sie voraussichtlich gewinnen. Was soll daran aufregend sein?

Seit sich der greise Diktator Pinochet vor einem Vierteljahrhundert widerwillig zurückzog, stand nie so viel auf dem Spiel wie jetzt. Michelle Bachelet hat nicht weniger als eine neue Verfassung versprochen. Sie will das absurd teure, weil private und gewinnorientierte Bildungssystem nach den Kriterien der Sozialstaatlichkeit umbauen. Um das finanzieren zu können, muss ein neues Steuersystem her.

Dass die Chilenen ausgerechnet Frau Bachelet zutrauen, dieses gewaltige Reformprogramm durchzudrücken, ist insofern erstaunlich, als sie schon einmal an der Macht war und dabei keinen großen Reformeifer an den Tag gelegt hat. Aber seit die Studenten 2011 auf die Straße gingen, ist die Gesellschaft anspruchsvoller und fordernder geworden. Michelle Bachelet ist heute diejenige, die am überzeugendsten davon spricht, Chile in einen Sozialstaat zu verwandeln. Versagt sie bei dieser Herausforderung, ist ihr eines gewiss: eine neue Welle von Massenprotesten.