Seit der deutschen Vereinigung kauen wir an dem Problem Nazis, jeden Tag und überall. Die öffentliche Diskussion darüber dreht sich meist um die Frage, wo es schlimm ist, wo ganz schlimm und wo am schlimmsten. Die Aktivisten gegen Rechtsextremismus sagten: bei uns. Bürger und Bürgermeister sagten: bei den anderen. Es hat Jahre gedauert, bis endlich so ziemlich jedem klar war, dass es Rechtsextremismus tatsächlich gibt und er kein Hirngespinst von verbohrten Linken ist. Damit ist die politische Richtung gemeint, nicht aber die Partei gleichen Namens. Die hatte lange Zeit das Thema genauso ignoriert wie die anderen Parteien.

Sich zu etablieren und die Leute „mitzunehmen“, war für alle wichtiger als die Gefahr, die von den Nazis ausgeht. Fast zwei Jahrzehnte galten sie als die Verführten, die Armen und Arbeitslosen, als Opfer des Systems. Konservative nahmen sie in Schutz, weil sie selbst Themen besetzen wollten, die von Volk, Familie und Heimat handelten. Und der Linken Lieblingsfeinde blieben Hartz IV und der Kapitalismus, zu dessen Opfern auch die perspektivlosen Nazis gehörten, deren Ideologie lediglich die Falschen ins Visier nimmt.

Gewiss, die Politik hat reagiert und Netzwerke für demokratische Alltagskultur gefördert, die besonders im Osten vorbildlich in den Kommunen arbeiten, um den Rechtsextremismus zurückzudrängen. Doch die Hypothesen, der Rechtsextremismus sei eine geradezu natürliche Folge sozialer Verwerfungen oder aber ein berechtigter Schrei nach Heimat, wurden nicht wirklich bestritten. Denn um den fetten Boden, aus dem die Nazis in Wahrheit wachsen, wollte sich die Gesellschaft immer herummogeln. Und das ist Rassismus. Er wird in Deutschland gemeinhin als Problem der Amerikaner gesehen, und es wird keine Gelegenheit ausgelassen, mit dem Finger höhnisch auf sie zu zeigen.

Im eigenen Land gilt Rassismus als Kampfbegriff politisch Überkorrekter oder als Phantasma betroffener Befindlichkeiten. Mit dem Hinweis auf die antifaschistische Erziehung in der DDR wird Rassismus im Osten bis heute barsch geleugnet. Und im Westen bedeutet Gewöhnung an Migranten noch lange nicht Begegnung auf gleicher Augenhöhe. Es dominiert im Westen im guten Fall wohlwollender Paternalismus gegenüber Nicht-Weißen und im schlechtesten aggressive Verachtung. Den besten Fall gibt es selten.

Dieses ewige Gedruckse um den Rassismus hat eben nicht nur den Boden für die Nazis gedüngt sondern auch für all diejenigen, denen diese Rechtsextremisten heimlich oder unheimlich aus der Seele sprachen. Jetzt sind die Flüchtlinge da. Jetzt – ermutigt von unterlassener Debatte über den Rassismus in Deutschland – hetzt und hasst es von allen Seiten.

Wo der ganze Hass plötzlich herkommt? Er war nie fort, er war immer da. Jetzt meint er, sich zeigen zu können, weil er schon so oft Erfolg hatte. Doch überraschend viele Leute haben die Nase voll vom alten Stiefel und zeigen es deutlich. Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, ernsthaft über Rassismus und über Einwanderung zu reden. Denn wir befinden uns inmitten eines entscheidenden gesellschaftlichen Konfliktes, der sich an der Haltung gegenüber den Flüchtlingen zeigt. Weil sein Ausgang Deutschland für lange Zeit prägen wird, sollten wir endlich ehrlich über Rassismus reden.