Zwei aktuelle Nachrichten aus Russland: Die Musikerin Nadeschda Tolokonnikowa, wegen eines anarchischen Kirchenauftritts zu Lagerhaft verurteilt, tritt in einen Hungerstreik, um gegen menschenunwürdige Haftbedingungen zu protestieren. Sie berichtet von katastrophalen Bedingungen und roher Gewalt. Die Lagerverwaltung demonstriert ihr, dass es noch grausamer geht. Sie sperrt die junge Frau einfach in eine Einzelzelle und nennt es einen „sicheren Ort“. Selber Schuld.

Der zweite Fall: Greenpeace will auf einer Ölplattform in der Arktis ein Protestplakat anbringen. Die Organisation hat, wie es ihre Art ist, nicht um Erlaubnis gefragt. Also sind das Straftäter, die Leib und Leben der Beschäftigten auf der Ölplattform gefährdet haben, legt der russische Präsident kategorisch fest. In rechtsstaatlich verfassten Ländern würde eine solche Äußerung als Vorverurteilung angesehen. In Russland waren das bisher praktisch Handlungsanweisungen, wie man aus zahlreichen Prozessen weiß: Die Obrigkeit entscheidet, die Staatsanwaltschaft gießt das Verdikt in eine Anklageschrift, die Richter nicken sie ab.

Politiker, Sicherheitsbehörden und Gerichte in Putins Russland arbeiten mit Eifer daran, Kritiker zu drangsalieren und zu kriminalisieren. Das ist nicht neu. Aber es ist schon beinahe skandalös, wie die europäischen Regierungen die Ungerechtigkeiten derzeit schulterzuckend hinnehmen.