Mogadischu und Nairobi sind von Berlin aus etwa gleich weit entfernt. Und doch liegen aus der Sicht des deutschen Betrachters Welten zwischen den beiden Städten. Wenn in Mogadischu wieder einmal eine Bombe hochgeht und mehrere Dutzend Zivilisten in den Tod reißt, nimmt man es hierzulande kaum zur Kenntnis. Findet der Terror jedoch in einem auch von europäischen Besuchern stark frequentiertem, luxuriösen Einkaufszentrum samt Sushi-Bar und Gucci-Taschen in Kenias Hauptstadt statt, stockt auch uns der Atem.

Die Drahtzieher des mörderischen Blutbads im Westgate-Einkaufszentrum von Nairobi haben ihr Ziel mit Bedacht gewählt. „Jetzt spürt Ihr mal, wie es uns in Somalia Tag für Tag ergeht“, soll einer der Angreifer gerufen haben, ehe er eine Handgranate in die verängstigte Menge warf. Selbst wenn es sich bei dem Ausruf um blanken Zynismus handelte, verweist er doch auf das enorme Ausmaß der Verrohung in einer sozial zerstörten Region. In keinem Land der Welt musste die Bevölkerung ertragen, was die Somalier in den letzten 25 Jahren durchzumachen hatten: Diktatur, Bürgerkrieg, Hungersnot und die rücksichtslose Herrschaft machtgetriebener Warlords.

Zu der verzweifelten Lage trug in erheblichem Maß auch das Ausland mit zum Teil verheerenden Interventionen bei. Erst scheiterte eine von den USA geführte UN-Mission bei dem Versuch, die Kriegsfürsten auszuschalten. Dann wurden genau diese mit Geld aus Washington versorgt, um sie gegen die wachsende islamistische Gefahr in Stellung zu bringen. Und schließlich versuchte man die in Mogadischu zunächst erwünschte Herrschaft der damals noch gemäßigten Islamisten zu zerschlagen, indem die äthiopischen Erzfeinde zur Invasion im Nachbarland ermutigt wurden. All das hat Somalia erst zu dem gemacht, wovor man sich im Westen am meisten fürchtete: einem Aufmarschgebiet für Terroristen.

Man muss kein Prophet sein, um nun die Reaktionen auf das Massaker von Nairobi vorherzusehen. Die Terroristenjäger werden vor weiteren Anschlägen warnen und eine Erhöhung ihrer Budgets verlangen. Man wird einzelne Verantwortliche wie den Chef der Terrormiliz Al-Schabab, Moktar Godane, jagen und zu diesem Zweck manche Killerdrohne starten. Doch das wird nur dazu führen, dass an anderen Brennpunkten wie in Ägypten oder Nigeria neue Terrorkommandos rekrutiert werden. An jungen Menschen, die bereit sind, ihr Leben zu opfern, mangelt es leider nicht.

Damit soll keineswegs einem bloßen Defätismus das Wort geredet werden. Fanatiker wie die Mörder von Nairobi haben sich zu weit von der Gesellschaft entfernt, als dass man sie noch zur Besinnung bringen könnte. Weit verhängnisvoller aber ist eine Politik, durch die ganze Bevölkerungsgruppen und Weltregionen systematisch ausgegrenzt werden. Dabei ist die Tatsache, dass einige der Angreifer von Nairobi in amerikanischen Metropolen wie Minneapolis und Kansas City geboren wurden, ein Hinweis darauf, dass der Zusammenhang von islamistischem Terror und Entwurzelung längst ein zutiefst modernes Phänomen globalisierter Gesellschaften ist und auch als solches bekämpft werden muss.