Historisch ist ein großes Wort, aber die neue Regierungskonstellation in Thüringen hat diese Bezeichnung verdient. Dass ausgerechnet im 25. Jahr nach dem Mauerfall mit Bodo Ramelow erstmals ein Mann Ministerpräsident eines Bundeslandes werden soll, dessen Partei sich aus der SED entwickelt hat, ist ein bedeutender Einschnitt für die ganze Republik.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hat die Wochen rund um das Mauerfalljubiläum geprägt, die Fragen nach dem Unrechtsstaat DDR, der Rolle der SED, der Aufarbeitung der Linken. Auch der Thüringer Koalitionsvertrag widmet diesen Themen noch einmal viel Raum, das war eine notwendige Voraussetzung für SPD und Grüne, sich auf das Projekt einzulassen. Tatsächlich aber ist dieses Bündnis ein Schritt in die Zukunft – wenn es hält, für fünf Jahre. Das gilt nicht nur für das Bundesland Thüringen, dem Rot-Rot-Grün eine – gemessen an der Programmatik der Linken – sehr milde Reformpolitik verspricht. Der Sozialismus wird dort, so viel ist sicher, nicht wieder einziehen.

Der vermeintliche Kulturbruch, der Linken in einem Land erstmals die Führungsrolle zuzugestehen, weist über Thüringen hinaus. Die Linke hat dafür lange geübt, als Regierungspartner in diversen Koalitionen von Berlin über Brandenburg bis Mecklenburg-Vorpommern. Nirgendwo ist die Welt untergegangen, kein Land hat Schiffbruch erlitten, weil Linke mitregiert haben. Die Partei ist fester Bestandteil der demokratischen Struktur der ostdeutschen Bundesländer.

Es ist ein großes Verdienst der PDS/Linken und ihrer Vorleute um Gregor Gysi und Lothar Bisky, dass sie Millionen einstiger Anhänger der SED und systemtreuer DDR-Bürger in die bundesrepublikanische Wirklichkeit geführt und mit ihr versöhnt haben. Was jetzt in Erfurt geschieht, ist ein konsequenter Schritt in die Normalität. Und deshalb ist er gut für die demokratischen Verhältnisse im ganzen Land, so sehr man im Einzelnen auch mit Positionen und Personen der Linken nicht einverstanden sein mag.

Das Bündnis hat das Zeug, mehr zu bewirken als nur neue Machtverhältnisse in Thüringen. Wenn es sich in den nächsten Monaten als tragfähig erweist, wird es die politische Fantasie der beteiligten Parteien anregen, auch anderswo über Mehrheiten links der Union (und der AfD) nachzudenken. Das könnte zum Beispiel in Berlin der Fall sein, wo SPD, Linke und Grüne schon sehr lange eine starke rechnerische Mehrheit bilden, aber erst einmal, beim Sturz des CDU-Regierungschefs Eberhard Diepgen 2001, in der Lage waren, daraus eine politisch handlungsfähige Kraft zu bilden. Diese Frage könnte sich bei der Wahl 2016 neu stellen.

Bundespolitisch ändert das neue Erfurter Triumvirat dagegen erst einmal überhaupt nichts. Die großen Konfliktthemen der Außen- und der Verteilungspolitik lassen sich auf Landesebene leicht ausklammern, auf Bundesebene gar nicht. Zudem führt SPD-Chef Sigmar Gabriel seine Partei straff in Richtung Mitte, da gibt es keinerlei Raum, mit Rot-Rot-Grün zu kokettieren. Und die Linke präsentiert sich und den Zustand ihrer politischen Kultur auf Bundesebene so desolat wie lange nicht.

Daran aber könnte Thüringen etwas ändern. Die dort erforderliche pragmatische Zusammenarbeit der Realpolitiker mit SPD und Grünen wird die Konflikte mit den radikalen Kräften in der Partei zuspitzen und vielleicht endlich zu einer Klärung bringen. Ähnliche Entwicklungen gab es Ende der 80er-Jahre bei den Grünen, als sie erste Koalitionen mit der SPD eingingen. Im Zuge dieser Auseinandersetzungen verließen viele Anhänger des sogenannten Fundi-Flügels die Partei und ermöglichten ihr, sich als gemäßigte reformpolitische Kraft zu stabilisieren.

Es kann gut sein, dass das Thüringer Projekt die Klärungsprozesse in der Linken so vorantreibt, dass der seit Jahren mühsam gewahrte Burgfrieden zwischen Reformern und Radikalen zerbricht und es eine Entscheidung im Richtungskampf gibt. Den würden die vornehmlich ostdeutschen Realos allein wegen ihrer zahlenmäßigen Stärke gewinnen. Und dann dürfte sich der Umgang mit SPD und Grünen auch auf Bundesebene verändern.

Doch all das ist Spekulation – ebenso wie die Frage, ob Bodo Ramelow am 5. Dezember im Landtag alle Stimmen seiner Koalition bekommen oder schon scheitern wird, bevor er zum Ministerpräsidenten gewählt wird. Vieles spricht dafür, dass zumindest dieser erste Anlauf gelingen wird. Eine knappe Mehrheit hat sich auch schon als stabilisierender, weil disziplinierender Faktor erwiesen. Wenn der historische Schritt wirklich getan werden soll, müssen eben alle mitziehen.