Manchmal könnte als Kommentar schon ein Achselzucken reichen. Vera Gäde-Butzlaff, Ex-Chefin der Berliner Stadtreinigung, übernimmt die Gasag. Aha. Denkt man, und während man ihr noch ausgezeichnete Referenzen bescheinigt und dabei an die Herausforderungen denkt, die sich derzeit bei der Gasag stellen, nach der gescheiterten Bewerbung um die Berliner Gasnetzkonzession, steht eine Feststellung schon wie selbstverständlich unausweichlich im Raum: Vera Gäde-Butzlaff, eine Frau also in der Führungsposition eines der größten Berliner Konzerne. Eine Frau, wie bemerkenswert, so klingt das: Was soll man davon halten?

Das Achselzucken, für das es nun den Rücken zu straffen gilt, hat nichts mit Gleichgültigkeit zu tun, keineswegs. Man muss kein Verfechter der Quote sein, um den Mangel an weiblichem Führungspersonal in deutschen Unternehmen als ungutes Ungleichgewicht zu sehen. Im Aufsichtsrat der Gasag sind es im Übrigen zwei Frauen unter neunzehn Männern. Jede Frau, die es durch die sogenannte gläserne Decke schafft, ist also eine Erfolgsmeldung.

Das war so bei Sigrid Nikutta und der BVG; und auch bei Tanja Wielgoß, Vera Gäde-Butzlaffs Nachfolgerin bei der Berliner Stadtreinigung. Nur hat man an dieser Stelle bereits erste Stimmen sich umgekehrt diskriminiert fühlender junger Männer im Ohr. Und die lassen sich nur schwer mit Argumenten zum Verstummen bringen, die ihnen aufbürden, was Generationen vor ihnen verbockt haben.

Jungen Frauen fehlt es an Vorbildern

Schon gar nicht ist es ein Achselzucken des Desinteresses. Natürlich lohnt es sich, eine Frau wie Vera Gäde-Butzlaff zu fragen: Wie haben Sie das geschafft? Die Frage stellt sich, weil es jungen Frauen heute noch immer schlicht an Vorbildern fehlt. Hier passiert zum Glück langsam etwas. Da ist etwa Sheryl Sandberg, Geschäftsführerin bei Facebook, die mit ihrem aufrüttelnden Pamphlet „Lean in“ Frauen dazu aufruft, nicht nur mehr zu fordern, sondern auch mehr zu wollen. Da ist Anne-Marie Slaughter, einst Chefin im Planungsstab von Hillary Clinton, die klar sagt: Frauen können nicht alles haben.

Und dass das nicht nur mit fehlender Gleichberechtigung zu tun hat oder schlechter Familienpolitik, sondern auch daran liegt, dass man nicht zwei Leben zu hundert Prozent führen kann. Man kann nun einmal nicht zwölf Stunden im Büro sein und trotzdem mit den Kindern zu Abend essen wollen. Was übrigens auch für Männer gilt. Es braucht mehr Frauen, die auch darüber reden, wie schwer ihnen manche Entscheidungen auf ihrem Weg gefallen sind.

Erst recht soll es kein Achselzucken sein, das behauptet, es gäbe nichts mehr zu erstreiten. Dass Männer mehr als zwei Alibimonate Elternzeit nehmen, wird noch immer meist mit Erstaunen kommentiert, wenn auch immer öfter mit einem bewundernden; dass Kinderbetreuung auch ganztags zur Verfügung steht, ist selbst in einer Stadt wie Berlin selten; und dass Mutterschaft Gehaltseinbußen bedeutet, ist immer noch die Regel. Über all das müssen wir reden, keine Frage. Aber nicht, weil Vera Gäde-Butzlaff Chefin der Gasag wird.

Denn gerade Frauen wie sie taugen nur bedingt als Beispiel. Sie sind Topmanagerinnen, deren Position per se eine Ausnahme darstellt. Und so sind ausgerechnet die, die am sichtbarsten sind mit ihren Lebensentwürfen oft gar nicht beispielhaft: BVG-Chefin Sigrid Nikutta etwa verzichtete auf die sechs Wochen Mutterschutz vor der Geburt ihres vierten Kindes und stieg nach kürzester Zeit wieder ein.

So hielt es auch Yahoo-Chefin Marissa Mayer, die als eine ihrer ersten Amtshandlungen ihren Mitarbeitern das Homeoffice unterband. Eine Frau an der Spitze ist also auch kein Garant für eine familienfreundliche Unternehmenspolitik. Frauen in Spitzenpositionen verdienen genug, dass Väter zu Hause bleiben können, ihnen stellen sich keine Existenzfragen, auch nicht, wenn es darum geht, Haushaltshilfen und Kinderbetreuung zu bezahlen.

Es kann also nicht um Vera Gäde-Butzlaff allein gehen. Reden müssen wir über die vielen Frauen an Supermarktkassen und Fließbändern, die Erzieherinnen und Pflegerinnen und Friseurinnen und Büroangestellten. Das ist das eine.

Das andere: Junge Frauen stellen sich Fragen nach ihrem Lebensweg heute individueller. Es geht nicht mehr nur um Kind oder Karriere, sondern um die vielen Entwürfe dazwischen, die immer auch auf Zeit gedacht sind: jetzt Mutter-Sein und später trotzdem was erreichen, das muss gehen. Dafür braucht es politische Antworten und offene Arbeitgeber.

Vera Gäde-Butzlaff also. Und ein Achselzucken, das sagt: Eine Frau, na und? Kann die was?