Dass der Ministerpräsident in Ankara sich anmaßt, über den Bau eines Einkaufszentrums im weit entfernten Istanbul zu entscheiden, ist ein deutliches Indiz für den Mangel seiner demokratischen Reife. Ausdruck demokratischer Reife hingegen ist der Aufstand gegen die Arroganz der Macht, getragen vorwiegend von einer jungen, urbanen Mittelschicht, die – eine Ironie der Geschichte – dank Erdogans erfolgreichen Bemühungen, die Türkei zu liberalisieren, erst zu neuem Selbstbewusstsein gefunden hat. Nach 90 Jahren Obrigkeitsstaat meldet sich der mündige Bürger.

Doch statt den Dialog mit ihm zu suchen, appelliert Erdogan an eine schweigende Mehrheit, die es vermutlich gibt, und setzt auf Konfrontation. Den Taksim-Platz mag er polizeilich zurückerobern. Doch wird er den Kampfplatz geschwächt verlassen. Der Staatspräsident und der stellvertretende Ministerpräsident haben sich von seinem harten Kurs deutlich distanziert. Schon erwächst ihm auch Widerstand in den Reihen der eigenen Partei.

Dank Erdogan gewinnen nun hierzulande jene Politiker wieder Auftrieb, die in der Türkei ein muslimisch-asiatisches und deshalb europauntaugliches Land sehen und ihr – dies kaschierend – eine privilegierte Partnerschaft anbieten. Die erstarkende Zivilgesellschaft aber, die sich dem Sultan von Ankara widersetzt, straft sie Lügen. Die Türkei ist nach diesen zwei Wochen jedenfalls eine andere geworden.