Am Morgen nach der Niederlage schwieg er lange – der Mann, der sonst immer und zu allem lautstark etwas zu sagen hat. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan brauchte eine Weile, bis er sich – lediglich schriftlich – äußerte und die politischen Parteien des Landes dazu aufrief, „verantwortlich mit dem Wahlergebnis umzugehen“.

Sein Zögern war verständlich, denn die Bürger haben ihm bei der Parlamentswahl am Sonntag das Vertrauen entzogen. Erdogan hatte die Wahl zum Referendum über ein autoritäres Superpräsidialsystem erklärt, aber das Volk hat es nicht gewollt. Die Bürger haben sich reifer und klüger gezeigt als ihre Repräsentanten von der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP, die jeden Winkelzug des Präsidenten unkritisch bejubelten. Der Gewinner dieser Wahl ist deshalb vor allem das politische System der Türkei. Es hat sich als widerstandsfähig erwiesen.

Die parlamentarische Demokratie ist nicht zuletzt deshalb gestärkt worden, weil wichtigste Teile der Gesellschaft trotz der undemokratischen Zehnprozenthürde erstmals gerecht im Parlament repräsentiert sind. Mit fast 13 Prozent der Stimmen und 80 Abgeordneten hat die linke, prokurdische „Demokratische Partei der Völker“ (HDP) als erste kurdische Partei die Sperrklausel überwunden. Dies verdankt sie einem Geniestreich ihres Spitzenkandidaten Selahattin Demirtas, der die Partei für andere Minderheiten öffnete und den Schulterschluss mit der Erdogan-kritischen Gezi-Protestbewegung vollzog. Damit machte er die HDP für junge Leute wählbar, die für eine bessere Umwelt und Pluralität, für offenere Sexualität und zivilgesellschaftliches Engagement eintreten.

Indem Demirtas die traditionellen HDP-Anhänger aufrief, allen gegen die Partei gerichteten Bombenanschlägen zum Trotz die Ruhe zu bewahren, ließ er zudem alle Provokationen ins Leere laufen. Gleichzeitig gelang es ihm, konservativ-religiöse Kurden von der Wahl der HDP zu überzeugen. Im kurdischen Osten und Südosten des Landes haben sich frühere AKP-Wähler fast geschlossen von der AKP abgewendet und der HDP 90-Prozent-Ergebnisse beschert. Ihre starke Vertretung im Parlament ist eine Zeitenwende für die Türkei. Damit sind die jahrzehntelang unterdrückten Kurden politisch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Wahlerfolg macht sie als politische Kraft sichtbar, die niemand mehr ignorieren kann.

Durch den Erfolg der Kurdenpartei verschieben sich die Kräfteverhältnisse dramatisch: Die HDP ist im Parlament jetzt ebenso stark vertreten wie die ultranationalistische MHP, die ebenfalls vom Niedergang der AKP profitierte. Zugleich zeigt der Wahlausgang, dass die Türkei ein gespaltenes und strukturell mehrheitlich konservatives Land bleibt, mit AKP und MHP auf der rechten und HDP sowie der sozialdemokratischen CHP auf der linken Seite. Nach wie vor gilt eine politisch-geografisches Dreiteilung des Landes. Im Westen und Süden siegte die CHP, in der Mitte und am Schwarzen Meer die AKP, im Osten und Südosten die HDP.

Der Erfolg der HDP in den ostanatolischen Kurdengebieten entbehrt nicht einer gewissen Ironie, weil Erdogan es war, der eine Lösung des Kurdenproblems auf die politische Agenda hob, die kurdische Sprache entkriminalisierte und kurdische Fernsehsender zuließ. Doch hat er die Ernte dafür nicht eingefahren. Er verlor die Unterstützung der Kurden vor allem, weil er die von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ belagerte syrische Kurdenstadt Kobane als „verloren“ bezeichnete und weil er im Wahlkampf plötzlich erklärte, es gebe in der Türkei „kein Kurdenproblem“.

Seine Kehrtwende empfanden viele Kurden als Verrat und als Aufkündigung des Friedensprozesses mit der Kurdenguerilla PKK. Mit ihrer Zustimmung zur HDP haben die Kurden der Türkei in den an Syrien grenzenden Gebieten jetzt nicht nur symbolisch einen Schutzwall gebildet gegen mögliche Attacken der türkischen Armee auf ihre Verwandten in Nordsyrien. Ein Blick auf das HDP-Wahlgebiet zeigt, was sie damit klarstellen: Die Türkei würde als Einheitsstaat zerbrechen, sollte das Militär einen solchen Schritt wagen.

Wird die AKP nun eine Minderheits- oder eine Koalitionsregierung bilden – und wenn, mit wem? Vor allem der rechten MHP, die sich politisch am ehesten mit der AKP verträgt, fällt die Rolle des Königsmachers zu. Es könnte auch ganz anders kommen, wenn sich die drei Oppositionsparteien dazu durchringen, eine gemeinsame Regierung zu bilden. Man kann das Wahlergebnis aber auch als Auftrag zur Kompromissbildung verstehen. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass vorzeitige Neuwahlen angesetzt werden. Die Türkei, so viel ist sicher, geht unruhigen Zeiten entgegen.