Tunesien gilt als Leuchtturm in der arabischen Welt. Das nordafrikanische Land kann stolz darauf sein, dass es als einziges Land geschafft hat, aus der Arabellion eine Demokratie werden zu lassen. Dies Lob kann nicht oft genug geäußert werden, allerdings kommt es so manchem Aktivisten des Aufstands von 2011 bereits zu den Ohren heraus: Zu viel Lob erstickt die Kritik an noch bestehenden Missständen, und das ist natürlich gefährlich. Denn Missstände gibt es noch genug, und ohne Druck werden die Verantwortlichen diese nicht beheben.

So hat der Wahlkampf gezeigt, dass die Medien zwar frei sind, viele Journalisten es aber mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, wenn sie dafür mit einer Story den politischen Gegner in Bedrängnis bringen können. Ein gefälschtes Foto von Moncef Marzouki mit einem bekannten radikalen Salafistenscheich ist nur eines von vielen Beispielen.

Natürlich ist es auch nicht die feine demokratische Art, sich wie Beji Caid Essebsi schon frühzeitig zum Wahlsieger auszurufen. Es ist geradezu verantwortungslos. In Algerien in den 90er-Jahren hat das Nichtanerkennen von Wahlergebnissen zum Krieg und in Ägypten 2013 zu blutigen Auseinandersetzungen geführt. Tunesien hat viele Klippen überwunden und ist auf Erfolgskurs. Das sollte aber niemanden abhalten, Missstände aufzuzeigen, damit es weiter vorangeht und nicht womöglich doch noch zu Rückschlägen kommt.