Wie gewonnen, so zerronnen. Die zu Jahresbeginn kräftig gestiegenen Aktien haben inzwischen alle ihre Gewinne wieder abgegeben. Auch der Deutsche Aktienindex ist schlank geworden durch die Börsenabstürze in China: Weil die Ansteckungsgefahr groß erscheint, gerade auch beim bisherigen China-Profiteur Deutschland, notiert der Dax weit unter den einstigen Rekordwerten.

Beunruhigend ist vor allem das Tempo, in dem sich die Stimmung dreht: War Deutschland noch vor Kurzem der vielgepriesene wirtschaftliche Musterknabe, so werden nun deutsche Unternehmen an der Börse massiv abgestraft.

Die Aufregung über den Verlust von mehreren Billionen Euro weltweit erstreckt sich im Kern auf die Aktienmärkte. Direkt betroffen sind auch nur wenige private Anleger, denn die haben sich seit dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrtausends weitgehend aus Aktien zurückgezogen. Dennoch steht fest: Auch den privaten Altersvorsorgern drohen erhebliche Einbußen, die Börsenturbulenzen werden zudem auf das Wirtschaftswachstum in den meisten Ländern durchschlagen. Die Frage ist nur: Wie sehr?

Hang zur Hysterie

Die Börse, getrieben von Gier oder Angst, neigt zu Übertreibungen. Sparern kommt das Geschehen nicht zu Unrecht vor wie im Spielcasino. Es entbehrt auch diesmal jeder Logik, dass an einem Tag die Aktienkurse wie Fallobst purzeln, am nächsten Tag aber schon wieder deutlich steigen. Auch das Kursplus im ersten Quartal von fast 25 Prozent lässt sich nicht mit betriebswirtschaftlichen Zahlen unterlegen, genauso wenig wie der anschließende drastische Einbruch. Allerdings wird an der Börse nicht der wirtschaftliche Ist-Zustand in Kurse umgelegt, sondern die künftigen Erwartungen werden eingepreist. Und genau hier beginnt die Spekulation, die Wette auf die Zukunft.

Es fällt allerdings auf, dass die Kursausschläge nach oben und unten deutlich größer ausfallen als noch vor einigen Jahren. Sind „die Märkte“, wie sie so schön heißen, nervöser als früher? Kaufen und verkaufen die dahinter stehenden Fonds oder Kapitalanlagegesellschaften beherzter? Eher liegt die stark gestiegene Volatilität darin begründet, dass computergesteuerte Programme inzwischen stärker den Takt an der Börse vorgeben als kühl kalkulierende Investoren.

Algorithmen bestimmen heutzutage vielfach, ob Aktien gekauft oder abgestoßen werden. Sobald bestimmte Kursschwellen über- oder unterschritten werden, erfolgen automatisch die Kauf- oder Verkauforders. Auf diese Weise werden Trends verschärft, sobald bestimmte Reißleinen gerissen sind. Der Irrationalität werden Tür und Tor geöffnet.

Die Geldinstitute und ihre Analysten versuchen derzeit alles – auch im eigenen Interesse –, um Panik zu vermeiden. Sie bemühen das schöne Bild von einer „gesunden Korrektur“ an den Börsen und kämpfen damit gegen die Crash-Propheten an, die schon eine neue Finanz- und Wirtschaftskrise wie 2008 heraufziehen sehen. Und doch hat der momentane Aktienausverkauf einen sehr realen Hintergrund, den es nüchtern zu analysieren gilt.

Deutschlands Wirtschaft steht auf solidem Fundament

Der vom chinesischen Staat mit vielen Anreizen gepuschte Aktienmarkt ist natürlich ein Scheinriese gewesen, der vermeintliche Börsenwert der Unternehmen stand in keinem Verhältnis zu ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Aber auch das Wachstum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt gerät ins Straucheln. Chinas kreditgesteuerter Bauboom ist am Ende, es gibt riesige Leerstände und völlig überhöhte Preise. Wegen der Aktien- und Immobilienbaisse fühlen sich viele Chinesen ärmer und schränken ihren Konsum ein. Das bekommen gerade die deutschen Autohersteller zu spüren. Die Versuche Pekings, mit allen Mitteln wie Verboten, Zinssenkungen und Geldspritzen die heimischen Finanzmärkte zu stimulieren, liefen bisher ins Leere.

Festzuhalten aber bleibt: Chinas Wirtschaft schrumpft nicht. Die Wachstumsraten fallen allerdings kleiner als erhofft aus. Das wird Einfluss haben auf die Weltwirtschaft, weil China weniger importieren wird, weniger Maschinen aus Deutschland, aber auch weniger Rohstoffe aus den Schwellenländern. Die Konjunktur weltweit wird sich zwangsläufig abkühlen.

Deutschlands Wirtschaft steht aber, anders als es die Börseneinbrüche andeuten, auf solidem Fundament. Hohe Beschäftigung, florierender Export, kräftiger privater Konsum dank niedriger Energiepreise und ein günstiger Wechselkurs lassen die Wachstumsraten sogar noch klettern. Deutschland wird sicherlich kein Wirtschaftswunder erleben. Der Wahnsinn am deutschen Aktienmarkt entbehrt aber auch jeder Grundlage.