Wir wissen nur sehr wenig über den Absturz der Airbus-Maschine von Germanwings in den Alpen nördlich von Monaco auf wohl 1500 Meter Höhe. Was die Toten angeht, wird man, wenn diese Zeitung ausgeliefert ist, besser informiert sein.

Bis wir die Ursache für den Absturz kennen, wird es allerdings noch eine Weile dauern. Es wird nicht leicht sein, in dem zerklüfteten Gebirge alle Bruchstücke zu finden. Sie zu analysieren und auszuwerten, wird noch einmal mehr Zeit in Anspruch nehmen. So hilfreich es jetzt vielleicht sein mag, wenn Experten aus Deutschland und Spanien ihre französischen Kollegen unterstützen, so wird die Abstimmung der verschiedenen involvierten Institutionen sicher auch Zeit kosten.

Wenig sinnvoll erscheint mir, dass Außenminister Frank Walter Steinmeier und Verkehrsminister Alexander Dobrindt nach Frankreich aufgebrochen sind. Mir ist schleierhaft, was sie dort tun wollen – außer Pressekonferenzen zu geben. Siebenundsechzig Deutsche sind bei dem Absturz umgekommen, heißt es. Hoffentlich kümmert man sich um deren Angehörige.

Je weniger wir wissen, desto stärker arbeitet die Fantasie. Ich erinnere mich an eine Freundin mit Flugangst. Ich denke, dass sie recht hat, Angst zu haben. Dabei weiß ich, dass in den Straßen unserer Städte mehr Menschen umkommen als im Luftverkehr. Dennoch verstehe ich die Angst vorm Fliegen. Man begibt sich in eine Situation, über die man keine Kontrolle hat. Über die man nicht einmal die Illusion haben kann, regulierend eingreifen zu können.

Wir betreten ein Flugzeug und denken: Wenn etwas schiefgeht, sind das die Menschen, mit denen du in den letzten Minuten deines Lebens zusammen warst. Den Flugkapitän, der sich so freundlich vorstellt, hast du nie gesehen. Du weißt nichts über ihn. Aber du vertraust ihm dein Leben an. Es spricht alles für Flugangst. Ich hatte nie welche. Warum haben so wenige sie?

Leben in der Risikogesellschaft

Weil unsere Angst vor der Katastrophe so groß ist, dass wir sie uns lieber nicht vorstellen? Weil wir die Statistiken kennen und wissen, dass 799 Tote bei Abstürzen von Airbus-A320-Maschinen zwar 799 zu viel sind, aber dass wir auch sehen müssen, dass insgesamt 6000 Flugzeuge dieses Typs seit 25 Jahren im Einsatz sind.

Der verstorbene Soziologe Ulrich Beck hat uns darauf hingewiesen, dass wir in einer Risikogesellschaft leben. Das bedeutet auch, dass wir Risiken berechnen und gegeneinander abwägen. Wir tun das im Großen bei der Kernenergie, beim Klima, bei Kriegseinsätzen.

Wir tun das auch im Kleinen bei unserer Ferienplanung zum Beispiel oder im noch Kleineren, bei dem Kauf und Verkauf von Aktien. Der Kurs der Aktie von Lufthansa sank nach Bekanntwerden des Absturzes der Maschine der Lufthansa-Tochter Germanwings erst einmal um fünf Prozent. Wir haben den Glauben an die Möglichkeit der Risikolosigkeit verloren.

Desto wichtiger ist uns, dass wir darauf vertrauen können, dass alles getan wird, die Risiken zu senken. Darum geht die Aufklärung der Absturzursache uns alle an. Wir müssen uns entscheiden zwischen dieser und jener Fluggesellschaft, zwischen dieser und jener Maschine. Wir sind in Wahrheit natürlich überfordert mit dieser Entscheidung. Das wissen wir. Wir zahlen nicht nur mit Geld. Wir zahlen auch mit Vertrauen.

Für dieses Vertrauen müssen heute die Institutionen selbst sorgen. 1927 veröffentlichte Thornton Wilder seinen Roman „Die Brücke von Saint Luis Rey“. In ihm versucht ein Franziskanermönch, der Zeuge wird, wie eine Hängebrücke einreißt und etwa ein halbes Dutzend Menschen zu Tode stürzen, hinter den Sinn dieses Ereignisses zu kommen. Er interviewt Verwandte und Freunde, die Hinterbliebenen und fragt sie nach den Lebensgeschichten der Toten.

Es gibt keinen Trost

Er möchte zeigen, dass dieser Tod eine göttliche Antwort auf jedes einzelne dieser Leben war. Er beginnt seine Arbeit in dem festen Vertrauen darauf, dass das Unglück einen Sinn haben muss und hat. Nach sechs Jahren Recherchen hat er ein dickes Buch geschrieben, in dem er zeigt, dass dieser Absturz für jede der zu Tode gekommenen Personen die Erfüllung eines göttlichen Planes bedeutete.

Wir haben diesen Glauben nicht mehr. Der Absturz erschüttert uns, gerade weil er sinnlos ist. Wir wissen auch, wie sehr der Verlust der Geliebten, der Mutter, des Kindes uns verletzt. Jeden von uns. Wir wissen: Es gibt keinen Trost. Es gibt die tätige, sich ums Alltägliche kümmernde Hilfe, die die Hinterbliebenen jetzt brauchen, und es gibt die Zeit, die ihnen dabei helfen wird, sich neu einzurichten. Mehr ist da nicht.