Das Bürgerkriegsland Syrien wird in seine Bestandteile zerlegt, zerstört, zerschreddert. Es scheint niemanden zu kümmern, es gibt keine UN-Dringlichkeitssitzungen, keine Sondergipfel, keinen weltweiten Aufschrei.

Vor gut einem Monat hat die Brookings Institution, eine der einflussreichsten Think Tanks der USA, ein Papier vorgelegt, das die wilde These aufstellt, dass genau das, also die Zerstörung des Landes, die einzig geeignete Strategie zur Lösung des syrischen Problems sei. Im Detail wird vorgeschlagen, weit mehr als die derzeit nur 150 Kämpfer der syrischen Opposition auszubilden; moderate Kräfte sollten von ausländischen Spezialeinheiten unterstützt werden, um autonome Zonen einzurichten; Hilfsorganisationen müssten dort die Versorgung sichern. Der Plan, so heißt es im Papier des Think Tanks, richte sich nicht nur gegen die Dschihadisten des Islamischen Staats (IS), sondern auch gegen den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Mit dem Plan würde man den Interessen aller regionalen Akteure gerecht.

Obwohl man erleichtert sein könnte, dass sich überhaupt noch jemand nicht nur mit dem IS, sondern auch mit dem Schicksal des Bürgerkriegslandes Syrien befasst – dieser Plan hat alle Ingredienzien dafür, die Situation noch schlimmer zu machen, als sie ist. Abgesehen davon, dass zwar die Interessen der regionalen Akteure berücksichtigt werden, nicht aber die der gepeinigten, unglückseligen Syrer, klingt das wie Pippi Langstrumpf, wenn sie selig trällert: „ … ich mach mir die Welt – widewide – wie sie mir gefällt“.

Denn erstens gibt es in Syrien keine moderaten Kräfte mehr, die für die US-Luftwaffe den Bodenkampf gegen IS oder/und Assad führen könnten. Die sind entweder geflohen, sitzen in Istanbul, London oder Paris oder sind zum IS übergelaufen. Oder sie werden, wie gerade die kurdischen Truppen, von der Türkei bombardiert und aufgerieben.

Lokale Waffenstillstände, Verbot von Waffenlieferungen

Zweitens lassen sich autonome Zonen nicht wie Inseln im Meer einrichten: Es braucht dazu ein zusammenhängendes Gebiet und motivierte Verteidiger. Zu unübersichtlich sind zudem die Dschihadisten-Netzwerke, zu stark noch die Kräfte des Regimes, zu unberechenbar der IS. Wie flexibel und aggressiv diese Terroristen trotz über 5000 Luftangriffen seit Beginn der Bombardements noch sind, demonstrieren sie in Syrien und Irak fast jeden Tag.

Drittens würde den USA damit das passieren, was sie um keinen Preis wollen. Sie würden tiefer und tiefer in diesen Konflikt geraten, sei es direkt oder über den Nato-Partner Türkei. In dem Fall aber wird sich dann auch die EU stärker und nicht zuletzt militärisch engagieren müssen.

Aber das Brookings-Institution-Papier ist doch nur irgendeiner von vielen Plänen, könnte man meinen. Ein solch wahnwitziger Strategie-Vorschlag hat keine Chancen … Doch in Grundzügen zeichnet sich längst ab, was das Papier „Deconstructing Syria: A new strategy for America’s most hopeless war“ empfiehlt. Der Zerfall Syriens ist bereits in vollem Gange – manchmal ohne Zutun der USA, meistens direkt von Washington orchestriert. Manchmal sind die erwählten Akteure am Zuge, meistens aber die falschen.

So haben sich die syrischen Kurden ihren Teil von Syrien gesichert, in einem Drittel des Landes herrschen die Dschihadisten des IS, im Rest des Landes kämpft die syrische Armee gegen Rebellen und Islamisten. Im Norden will die Türkei eine Sicherheitszone auf syrischem Gebiet einrichten. Das soll Teil einer Vereinbarung sein, die den Amerikanern die Nutzung von Militärflugplätzen für Angriffe gegen den IS erlaubt. Washington bestreitet das, aber die Basen werden bereits genutzt.

All das ist darauf angelegt, die Kämpfe anzuheizen, die Lage der Menschen in Syrien noch zu verschlimmern. Dabei weiß eigentlich jeder, was praktikable Schritte hin zu einer Lösung wären: lokale Waffenstillstände, unterstützt von den regionalen Akteuren; ein absolutes Verbot von Waffenlieferungen an die Kriegsparteien; die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit in Damaskus, die nicht den Rücktritt Assads als Bedingung oder Ziel formuliert; hermetisch gegen den Zustrom ausländischer Kämpfer abgeriegelte Grenzen, wie es Jordanien beispielhaft vormacht.

Das aber hat, realistisch gesehen, tatsächlich keine Aussicht auf Umsetzung – vor allem wegen der Eigeninteressen der regionalen wie internationalen Akteure. Der syrische Bürgerkrieg und das Wüten der Dschihadisten, ob als IS oder unter anderem Namen, werden noch Dekaden so weitergehen. Vielleicht endet der Krieg erst, wenn alle Nicht-Kämpfer aus dem Land geflüchtet sind. Am Wochenende kamen wieder Hunderte Asylsuchende an den europäischen Ufern des Mittelmeeres an.