Die Katastrophe in der chinesischen Hafenstadt Tianjin zeigt zwei Grundprobleme der chinesischen Entwicklung: einen Mangel an wirksamer Aufsicht und die Folgen extrem schnellen Wachstums. Präsident Xi Jinping verspricht zwar schon seit Amtsantritt an beiden Fronten Abhilfe: Er will die Bestechlichkeit bekämpfen und die Entwicklung nachhaltiger machen. Doch der Anspruch seiner Partei auf Alleinherrschaft blockiert an vielen Stellen den Fortschritt.

Das heißt nicht, dass die Kommunistische Partei an der Explosion schuld ist – es geht vielmehr um eine Strukturfrage. Offensichtlich hat die Aufsicht über den Hafen nicht funktioniert, denn auch in China gelten strenge Regeln zum Umgang mit Gefahrstoffen. Die Verantwortlichen haben die Ernsthaftigkeit ihrer Aufgabe nicht verinnerlicht. Der Firma, die Blausäure mitten in der Stadt gelagert hat, fehlte es an Verständnis für gute Unternehmensführung. In China gilt immer noch die Einstellung: Wer mit Korruption oder illegaler Kostenersparnis davonkommt, hat es richtig gemacht.

China braucht stattdessen ein anderes Sicherheitsverständnis. Es handelt sich inzwischen um die zweitgrößte Volkswirtschaft, dort stehen mehr Chemiewerke und Raffinerien als in jedem anderen Land. Dutzende Kernkraftwerke befinden sich im Bau, am Jahresende steht das Land auf Platz vier der zivilen Atommächte.

Hauptursache des Unglücks war die Missachtung von Regeln. Die Vorschriften selbst sind meist sinnvoll. Da die Modernisierung des Landes sich in gerade einmal 35 Jahren abgespielt hat, konnte der Gesetzgeber sich an guten Vorbildern weltweit orientieren. Die Umweltschutzbestimmungen entsprechen zum Teil den europäischen Standards. Doch weil die Gesetze jung sind und im Pekinger Elfenbeinturm geschrieben wurden, haben sie oft nur wenig mit der Wirklichkeit im Land zu tun. Da ist zum Beispiel das Arbeitsrecht, das sich in seinen Grundzügen nicht von seinen Vorbildern in Deutschland oder Schweden unterscheidet. In der Provinz erweist sich das aber oft als pure Theorie. Nicht anders sieht das bei den Verkehrsregeln aus, die der deutschen Straßenverkehrsordnung durchaus ähneln. Auf Chinas Straßen aber setzt sich meist das Recht des Stärkeren durch.

Anspruch und Wirklichkeit

Mit einer lockeren Haltung gegenüber Regeln ist China nicht alleine auf der Welt – auch in Europa gibt es Unterschiede zwischen dem Norden des Kontinents und dem Süden. Doch im Reich der Mitte fallen Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander. Die Kommunistische Partei betont Ordnung und Disziplin. Sie verspricht den Bürgern höchste Standards. Sie hält die Gesellschaft mit einem gigantischen Polizeiapparat unter Kontrolle.

Doch gerade der Polizeistaat ist es, der einem echten Sicherheitsbewusstsein oft entgegensteht. Wenn die Hafenaufsicht mit einem Chemiehändler unter einer Decke steckt, um Blausäure billig zu lagern, dann kann der aufmerksame Bürger oder ein unzufriedener Mitarbeiter kaum etwas machen. Schon Deutschland tut sich bisweilen mit dem Schutz von Informanten schwer. In China aber haben die Leute große Angst, sich an Medien oder die Polizei zu wenden. Gerade wegen der gemeinsamen Herkunft aus der Staatswirtschaft hält der Klüngel aus Behörden und Wirtschaft eng zusammen. Oft sitzen auf beiden Seiten Parteimitglieder. Der Rest ist eine Mentalitätsfrage. Gewinn steht in China weit mehr über der Moral als in anderen Gesellschaften. So kommt es, dass es Milchproduzenten gibt, die ihre Produkte mit giftigem Eiweißersatz gestreckt haben. Oder es gab Passanten, die ignorierten, dass ein zweijähriges Mädchen mehrfach überfahren wurde. Ein Lagerhausbetreiber, der brennbare Chemikalien ohne besondere Absicherung im Hafen abstellt, passt da geradezu ins Bild.

Fehlende Moral

Xi Jinping ist mit seinen Kernprojekten offenbar noch nicht weit gekommen. Er hat das Problem der fehlenden Moral und der Gier in seiner Gesellschaft zwar erkannt und steuert mit einer Propagandakampagne für eine „Gesellschaft mit sozialistischen Werten“. Kritiker sagen jedoch, dass es gerade der Sozialismus in der besonderen Ausprägung der Kulturrevolution war, der China jede Grundlage für Moral genommen habe.

Ähnlich verhält es sich mit der Korruptionsbekämpfung. Die Beamten trauen sich zwar inzwischen mehrheitlich nicht mehr, die Hand aufzuhalten. Sie tun das aber nicht aus Stolz auf saubere Arbeit, sondern aus Angst vor Strafe. An alldem wird sich kurzfristig wenig ändern, doch eine freie Presse und eine offene Gesellschaft mit Transparenz und einem erhöhtem Rechtfertigungsdruck für die regierende Partei könnten schon viel bewirken.