Al Capone, in den 20er-Jahren Boss der Unterwelt von Chicago, hat sich mindestens einmal im Leben dramatisch geirrt. Als er im Oktober 1931 den Gerichtssaal zum Auftakt seines Prozesses wegen Steuerhinterziehung betrat, lag auf seinem Gesicht ein Siegerlächeln – Al Capone hatte die Geschworenen bestochen, ein mildes Urteil schien also gewiss. Unmittelbar vor Beginn der Verhandlung aber tauschte der Vorsitzende Richter die Jury komplett aus, unterband jeglichen Kontakt zur Außenwelt, und am 24. Oktober 1931 wurde Al Capone zu elf Jahren Haft verurteilt. Zeitungen berichteten damals, Al Capone habe sich getäuscht gefühlt und sei noch im Gerichtssaal in einem Wutrausch auf FBI-Beamte losgegangen.

Fifa-Präsident Joseph Blatter und Uefa-Chef Michel Platini sind am Montag von der Ethik-Kommission des Weltverbandes zu jeweils acht Jahren Sperre verurteilt worden. Was das mit der Verurteilung Al Capones vor 84 Jahren zu tun hat? Erstens geht die US-Justiz gegen die bisherige Fifa-Führung aus guten Gründen mit einem Anti-Mafia-Gesetz vor. Zweitens wurden aus prozessökonomischen Gründen nur relativ leichte Vergehen abgeurteilt – im Falle des vielfachen Mörders Al Capone die Steuerhinterziehung, im Fall des Korruptionsexperten Blatter ein einziger fragwürdiger Deal mit Platini.

Blatter genauso verbittert wie Al Capone

Und drittens scheint Blatter über den Schuldspruch der Kommission genauso verbittert zu sein wie seinerzeit Al Capone über das Urteil der Jury; auch die Gründe gleichen sich – beide haben nicht verstanden, dass das Recht für alle gilt, selbst und gerade für den Boss. „Ich bin immer noch der Präsident! Die Ethikkommission hat kein Recht, gegen den Präsidenten der Fifa vorzugehen.“ Mit diesen Worten kündigte Blatter die Berufung gegen seine Sperre an, und mit diesen Worten macht er zugleich klar, dass er sich allenfalls auf die Regeln auf dem Fußballfeld versteht, aber gewiss nicht auf die Normen des Rechts.

Zu dem fragwürdigen Geschäft, das ihn nun zu Fall brachte, sagte Blatter, das seien „Finanzangelegenheiten, die nichts mit Ethik zu tun haben“. Aber genau dafür ist seinerzeit der Unterwelt-Boss Al Capone verurteilt worden – für kriminelle Finanzangelegenheiten, die nichts mit Ethik zu tun hatten.