Es wächst der Eindruck, dass wir nicht mehr alle Menschen im Land erreichen können“, schreibt die Deutschlandfunk-Redaktion ihren Hörern und Internet-Lesern in einem Editorial. Vom Vorwurf der Gleichschaltung (hieß das nicht schon in der Nazizeit so?) bis zum rhetorischen Fallbeil Lügenpresse bekommen die Redakteure nunmehr täglich die ganze Skala der Diffamierung per E-Mail und in den angeblich sozialen Medien um die Ohren gehauen. So, als wären Pegida und AfD nicht die obszönen Randerscheinungen unserer Demokratie, sondern eine Art tägliches politisches Folkloreprogramm.

Mit sachlicher Kritik setzen sich verantwortungsbewusste Journalisten intensiv auseinander. Doch seit sich der Ton in den Hörer- und Leserzuschriften ins Rüde und Krawallige verändert hat, stoßen die Dialogangebote immer öfter ins Leere.

Es ist eine Gegenöffentlichkeit entstanden, die durch ihre Vernetzung mit dem deutsch-nationalen, EU- und USA-feindlichen Milieu, mit den Pro-Putin-Propagandisten und wirren Verschwörungsfanatikern eine Querfront bilden. Mit diesem Begriff hat die Otto-Brenner-Stiftung kürzlich in einer Studie die „Karriere eines politisch-publizistischen Netzwerks“ beschrieben.

Im Zentrum finden wir Jürgen Elsässer, den Chefredakteur des Magazins Compact, einem Unternehmen, das sich längst zur multimedialen Propagandaschleuder mit TV-Kanal im Internet, mit Blogs und Druck-Erzeugnissen sowie als Kongressveranstalter entwickelt hat. Für die letzte Konferenz „Freiheit für Deutschland“, mit rund tausend Teilnehmern Ende Oktober in Berlin, warb Elsässer: „Compact hat den ‚Mut zur Wahrheit‘: Deutschland ist immer noch ein besetztes Land. Wir sind ein Militärprotektorat und eine Wirtschaftskolonie der USA. TTIP ist der Versailler Vertrag des 21. Jahrhunderts.“

Den Mut zur Wahrheit, dass TTIP unser Wirtschaftssystem nachhaltig gefährden würde und deshalb verhindert werden muss, nehme ich auch für mich in Anspruch. Aber hier zeigt sich, wie die wilden Populisten, die auch die Nähe zu den irrationalen Reichsbürgern wie zu Pegida-Mitläufern suchen, die Maßstäbe durcheinanderbringen. Soll ich mich etwa als TTIP-Befürworter vor Elsässers Umklammerung schützen?

Das Dilemma fließender Grenzen in der neuen Gegenöffentlichkeit hat auf der linken Seite auch die verdienstvollen „NachDenkSeiten“ erwischt. Vor 12 Jahren von Albrecht Müller und Wolfgang Lieb als Internet-Medium politischer Aufklärung und Diskussion begründet, ging nun der zweite Mann von Bord. Denn er fand das einstige Ziel der Reise nicht mehr wieder, „Informationen und die differenzierte Abbildung der Wirklichkeit vor ihre politische Bewertung und vor die Unterordnung unter das eigene Weltbild“ zu stellen. Stattdessen wurde zum Kampf gegen die Herrschenden und gegen die Medien aufgerufen – ein Weg in die politische Resignation. Und immer öfter gelangte auch der Vorwurf der Gleichschaltung in den Weblog – die NachDenkSeiten auf dem Weg in die Gegenpropaganda.

Zurück zum DLF: Es wäre in der Tat fahrlässig, einfach zuzusehen, wie das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Medien – wie auch in den anspruchsvollen Printjournalismus – weiter schwindet. Denn wir haben viel zu verlieren.