Den Anführern des Islamischen Staates (IS) hätte gar nichts Besseres passieren können. Der französische Präsident François Hollande bemüht sich derzeit, eine internationale Militärallianz gegen IS zu zimmern. Am Dienstag traf er US-Präsident Barack Obama in Washington, am heutigen Mittwoch empfängt er Bundeskanzlerin Angela Merkel in Paris, am Donnerstag ist er in Moskau bei Russlands Staatschef Wladimir Putin.

Exakt zu diesem Zeitpunkt schießt die Türkei im syrisch-türkischen Grenzgebiet ein russisches Kampfflugzeug ab. Angeblich, weil es türkischen Luftraum verletzte. Die Türken behaupten das, die Russen dementieren. Die Nato berief am Dienstag umgehend eine Sondersitzung ein, denn Ankara könnte den Vorfall als Bündnisfall werten.

Zu anderen Zeiten haben mit solchen Vorfällen Kriege begonnen. Das westliche Militärbündnis muss sich also nun in erster Linie darauf konzentrieren, eine weitere Eskalation des Konflikts zwischen dem Nato-Partner Türkei und Moskau zu verhindern – statt alle Energie und Kraft darauf zu verwenden, den IS zu bekämpfen.

Dabei ist das ganze Unterfangen per se schon fragwürdig genug: Militärs, politische Beobachter und Syrien-Kenner bezweifeln generell, dass Luftangriffe geeignet sind, den IS einzudämmen oder gar zu zerschlagen. Das Bürgerkriegsland ist zerfallen, die einzelnen Kantone werden von diversen Milizen kontrolliert und selbst die Syrer wissen nicht genau, wer Freund oder Feind ist, und wenn doch, wo wer gerade steht.

Mit diesem Vorfall aber ist nun die überhaupt größte, anzunehmende Katastrophe Realität geworden – und beweist einen fundamentalen Webfehler im System: Luftangriffe gegen den IS fliegen bereits Amerikaner, Franzosen und Türken sowie die Russen. Demnächst wollen sich auch die Briten beteiligen, um die Mitwirkung der Iraner wird geworben. Einige Regierungen aber beteiligen sich nur widerwillig, andere verfolgen innenpolitische Interessen, manche sind einander wenig gewogen.

Kampfjets können jedoch nicht nur Grenzen verletzen. Sie können auch kollidieren, ihr Feuer die Maschinen der Partnern treffen. Es gibt nur einen, der sich über Verwerfungen, den Streit und über den aktuellen Vorfall wie künftige solcher Katastrophen freut: der IS.