Schon abends stehen die Geflüchteten vor dem verschlossenen Tor. Alte, Kranke, Familien mit Kindern. Hunderte harren in der Kälte aus. Menschen kollabieren, am Ende ihrer Kräfte. Sie sind nicht das erste Mal am Lageso, einige kommen seit Wochen. Sie warten, dass sie auf das Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales im Berliner Stadtteil Moabit gelassen werden. Um vier Uhr gehen die Türen auf, die Asylsuchenden rennen zur nächsten Absperrung. Hier ist schon wieder Schluss, geöffnet wird erst fünf Stunden später. Viele warten vergeblich, sie werden im Lauf des Tages unverrichteter Dinge wieder weggeschickt.

Die Abkürzung Lageso ist spätestens seit dem Sommer bundesweit ein Begriff, wenn nicht gar über die Grenzen Deutschlands hinaus. Sie steht für totales Behördenversagen in der Hauptstadt eines Landes, das doch eigentlich als so gut organisiert gilt. Krieg und Terror haben die Zufluchtsuchenden aus ihren Heimatländern vertrieben, sie haben die lebensgefährliche Fahrt übers Mittelmeer gewagt, die strapaziöse Westbalkanroute auf sich genommen, um sich dann am Lageso in einem bürgerkriegsähnlichen Chaos wiederzufinden.

Seit Monaten bekommt Sozialsenator Mario Czaja die Situation nicht in den Griff. Inzwischen hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller dem CDU-Politiker den früheren Polizeichef Glietsch zur Seite gestellt und für ihn den Posten eines Staatssekretärs geschaffen. Eine neue Registrierungsstelle in Wilmersdorf wurde eröffnet, doch gebessert hat sich kaum etwas. Personal fehlt weiterhin. Ein ordentliches Terminmanagement ist am Lageso nicht in Sicht, immer noch müssen die Flüchtlinge für jeden befristeten Hostelgutschein, für jeden Krankenschein erneut vorstellig werden. Die Asylsuchenden müssen Praktika oder Deutschkurse absagen, weil das Lageso ihre ganze Zeit in Beschlag nimmt. Und Czaja schaut zu.

Beschaffung leerstehender Immobilien dauert zu lange

Auch für die Unterbringung hat er kein Konzept. Viel zu lange dauert die Beschaffung leerstehender Immobilien. Manche Gebäude wie das ICC oder frühere Kliniken lässt der Senator bereits seit Monaten prüfen, ohne dass eine Entscheidung in Sicht ist. Stattdessen werden Turnhallen beschlagnahmt. Und auch über die Zahlen scheint der Senator den Überblick verloren zu haben. 65.000 Asylsuchende wurden in diesem Jahr in Berlin registriert, die Daten von etwa 15.000 weiteren sind noch nicht erfasst. Dem stehen aber nur 35.000 Übernachtungsplätze gegenüber. Seit Wochen ist die Sozialverwaltung nicht in der Lage, diese Diskrepanz zu erklären.

Vielleicht haben Tausende Berlin wieder verlassen, sind in andere Bundesländer, ins Ausland weitergezogen oder bei Angehörigen untergekommen. In Sicherheit. Womöglich sind aber auch einige obdachlos, ohne Bescheinigung vom Lageso haben sie schließlich keinen Anspruch auf einen Übernachtungsplatz. Wenn nicht die Ehrenamtlichen wären, hätte es vermutlich schon Tote gegeben. Die Helfer kümmern sich nachts um die Wartenden am Lageso, wenn die Behördenmitarbeiter schon lange Feierabend haben. Berlin nutzt ihr Engagement schamlos aus und kommt selbst seiner Fürsorgepflicht nicht nach.

Senatschef Müller scheint zunehmend daran zu zweifeln, dass der Sozialsenator der Richtige für das Amt ist. Er hat ihm Untätigkeit und Überforderung vorgeworfen, er hat ihm den Rücktritt nahegelegt. Man könnte Müllers Wutausbruch im Parlament auch als letzte Warnung verstehen. Als ultimative Aufforderung zum Handeln.

Und was tut Czaja? Er verweigert die Übernahme politischer Verantwortung. Die Zustände im Lageso? Daran ist aus seiner Sicht Behördenchef Allert schuld. Der Spitzenbeamte steht seit Monaten in der Kritik, der SPD-Senatschef erwartet, dass er abgesetzt wird. Doch Czaja belässt ihn auf seinem Posten, vielleicht braucht er einen Buhmann. Im Abgeordnetenhaus wurde der Senator jetzt gefragt, was er gegen eine Sicherheitsfirma unternehmen will, deren Mitarbeiter am Lageso Nazi-Parolen von sich gab. Auch dafür sieht er sich nicht zuständig. Schließlich sei die Berliner Immobilien Management GmbH Vertragspartner, die wiederum dem Finanzsenator unterstehe. Darüber hinaus blieb der Senator Antworten schuldig.

Nun ist zu hören, dass Czaja ein eigenständiges Landesamt für Flüchtlinge bilden will. In der jetzigen Notlage wäre das geradezu absurd. Zunächst muss die akute Krise bewältigt werden. Mario Czaja muss endlich Lösungen entwickeln, bevor an den Aufbau einer neuen Behörde überhaupt zu denken ist. Auch dafür braucht es übrigens ein Konzept.