Kommentar zum MH-17-Abschuss in der Ukraine: Wie sich Putin eine neue Art der Kriegsführung ausgedacht hat

Moskau - Das Blutbad über dem Donbass vor einem Jahr war absurder Höhepunkte eines absurden, „hybriden“ Krieges, oder schlicht, eines „halben Krieges“. Russland schickt Berufsmilitärs ins Nachbarland, um dort ukrainische Soldaten zu töten, gleichzeitig feilscht es mit den Ukrainern über Gaspreise und importiert ukrainisches Bier, zwischen Moskau und Kiew verkehren weiter Züge - und Passagierflugzeuge.

Wladimir Putin und sein Team haben sich eine neue Art der Kriegsführung ausgedacht. Sie verstecken ihre Panzertruppen hinter prorussischen Rebellenkriegern, die das Moskauer Staatsfernsehen gegen die „faschistische Kiewer Junta“ aufgehetzt hat. Jenseits der ukrainischen Front, in Charkow, Odessa, sogar in Lemberg, gehen Bomben hoch, Kremlpolitologen prophezeien blutiges Chaos in Kiew, das russische Außenministerium aber klagt, die Ukraine boykottiere den Minsker Friedensprozess.

Erstaunlicherweise hat die Ukraine, ebenso der Westen, viele Spielregeln dieses absurden Krieges akzeptiert. Es ist vor allem wirtschaftliche Not, die Kiew weiter mit dem Aggressor verkehren lässt. Doch auch die Ukrainer können schlitzohrig bis zum Zynismus sein: Gut möglich, dass ihre Kampfjets feindliche Panzer aus dem Radarschatten der Boeing 777 angreifen wollten…

Massaker in 10.000 Meter Höhe

In Europa aber fürchten Politiker und Publizisten den endgültigen Bruch mit der Atommacht Russland. Viele hielten ihre Empörung über die russische Streitmacht im Donbass anfangs sehr niedrig, verkleinerten sie zur Kleinstadtguerilla, unterschätzten auch die Reichweite ihrer Geschosse. Warum Flugverbot, wenn doch nur Bergarbeiter mit Schulterraketen auf ukrainische Sturzkampfbomber ballern? Das Massaker in 10.100 Meter Höhe vor einem Jahr hat auch eine Wolkendecke aus Verharmlosung zerrissen.

Fragt sich nur wie endgültig. Nach den Regeln des „halben Krieges" macht es sich besser, statt russischer Berufssoldaten besagte Bergarbeiter als Mordschützen zu verdächtigen. Auf jeden Fall wird es leichter sein, einen Rebellenboss vor Gericht zu stellen als Wladimir Putin.