Es ist paradox und doch offenkundig: Obwohl der NSU-Komplex seit beinahe zwei Jahren gerichtlich untersucht wird und sich mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse damit befasst haben oder es immer noch tun, bleiben zentrale Fragen offen. Dazu zählt der Tod der Polizistin Michèle Kiesewetter, die in Thüringen geboren wurde und in Baden-Württemberg starb. Umso wichtiger sind die neuen Verdachtsmomente aus Stuttgart.

Denn auch wenn man über das Motiv weiterhin nichts weiß, springt doch folgendes ins Auge: Der NSU hat allem Anschein nach nicht allein gehandelt, sondern hatte Verbündete, die ebenfalls geheim organisiert waren. Es existierte ein rechtes Terrornetzwerk. Oder es existiert noch immer. Der rechte Terror ist nicht nur im Osten, sondern auch im Westen der Republik zu Hause.

Dass ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss den Ermittlungsbehörden in Baden-Württemberg dreieinhalb Jahre nach Auffliegen des NSU auf die Sprünge helfen muss, weil sie einschlägigen Hinweisen absichtlich oder aus Unprofessionalität nicht nachgegangen sind, spricht für sich und führt zum Ausgangspunkt zurück.

Denn ungeachtet zahlreicher juristischer und parlamentarischer Untersuchungen bleibt der Eindruck bestehen: Die Wahrheit über den NSU kennen wir noch lange nicht. Und eine Staatsaffäre ist weiterhin denkbar.