Es ist eine beeindruckende Schar ehemaliger Politiker, aktiver Kulturschaffender und anderer Prominenter, die sich in einem Aufruf für eine neue Entspannungspolitik einsetzen. Das erinnert ein wenig an die Zeit der Ostpolitik Willy Brandts, die ebenfalls breit in der Gesellschaft diskutiert wurde und heftig umstritten war. In diesem Sinne ist der Aufruf ein gutes Zeichen.

Aber er ist auch ein Zeichen des Misstrauens gegenüber den handelnden Politikern. Bedarf diese Bundesregierung der Überwachung ihrer Friedenspflicht? Die Kanzlerin und ihr Außenminister haben sich im Verlauf der Krise im Verhältnis zu Russland eher dadurch ausgezeichnet, dass sie der Diplomatie das Wort geredet und den Gesprächsfaden mit Moskau nie haben abreißen lassen. Die wirklichen Scharfmacher sitzen anderswo, in Ost und West.

Aus dem Aufruf spricht auch ein Generationenkonflikt. Gerhard Schröder, Roman Herzog, Horst Teltschik oder Hans-Jochen Vogel stammen aus einer Generation, für die der Kalte Krieg und die Gefahr eines Atomkriegs zum Alltag gehörten. Sie haben die nach 1990 erhoffte und dann auch erreichte Entspannung als ein hohes Gut empfunden, das niemals in Gefahr gebracht werden darf. Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts – dieser Satz Willy Brandts prägt die Sorge der Aufrufer. Es wäre leichtfertig, wenn die handelnden Politiker diesen Ruf überhören wollten.