Hamburg - Wenn die politische Großwetterlage finster und die sozialdemokratischen Umfragewerte mal wieder zum Frösteln sind, steigt regelmäßig aus den Tiefen des Schwielowsees ein roter Hahn auf und kräht lautstark das Wort „Kanzlerkandidat“. Anlässe dazu gab es angesichts des Personalverbrauchs der SPD in der Vergangenheit genügend.

Nicht immer lagen die Auguren mit ihren Wetten richtig – weder kam es zu dem prognostizierten Duell „Mutti gegen Mutti“ (Hannelore Kraft gegen Angela Merkel) noch schaffte Klaus Wowereit nur ansatzweise den Sprung „Vom Kiez ins Kanzleramt“. Stattdessen gab es erst eine Troika, dann den Unglücksraben Peer Steinbrück und schließlich ein Wahlergebnis von 25 Prozent.

Insofern kann es nicht verwundern, dass ein Wahlsieger wie Olaf Scholz, der in Hamburg ohne irgendwelchen Budenzauber zum zweiten Mal mehr als 45 Prozent der Stimmen holt, eine große Faszination auf die Genossen und ihre Beobachter ausübt. Die Wahllokale hatten noch nicht geschlossen, da standen die ersten Spekulationen im Raum, nach diesem Sieg führe an dem Hanseaten bei der K-Frage für 2017 kein Weg vorbei.

Tatsächlich würde es dem bescheiden auftretenden 56-Jährigen nicht an Selbstbewusstsein für den Job mangeln. Auch beteuert SPD-Chef Sigmar Gabriel nun derart häufig, Scholz stehe genau für die Verbindung von sozialer und wirtschaftlicher Kompetenz, die er als Wirtschaftsminister predige, dass man auf eine gewisse Nervosität schließen kann.

Trotzdem dürfte die K-Debatte nach Aschermittwoch bald verstummen. Scholz hat erklärt, dass er an der Elbe bleiben will. Mit bundespolitischen Ambitionen würde er sein wichtigstes Pfund verspielen – die Verlässlichkeit. Auch ist die Begeisterung für den pragmatischen Nadelstreifenträger unter SPD-Funktionären keineswegs so ausgeprägt wie in der Hansestadt. Das zeigen sein schlechtes Abschneiden auf dem Parteitag und die verhaltene Stimmung im Willy-Brandt-Haus am Sonntagabend. Eine Kandidatur aber macht nur Sinn, wenn Programm und Person zusammenpassen. Alles andere wäre eine Wiederholung der Steinbrück-Farce.

Welche Folgen hat Scholz' Wahlsieg?

Das Wichtigste: Es gibt aus heutiger Sicht keinen Grund, sich nach der Spitzenkandidatur im Bund zu drängen. Solange es gegen Angela Merkel geht, hat die SPD nur magere Siegeschancen. Der unangenehme Job des roten Sisyphos dürfte 2017 daher Sigmar Gabriel zufallen, der sich als Parteichef kein zweites Mal vor der Aufgabe drücken kann.

Bleibt der Scholz-Triumph also ohne Folgen für die Bundes-SPD? Ganz sicher nicht. Das 45-Prozent-Ergebnis demonstriert brutal, wie weit die Genossen in Berlin von den Möglichkeiten einer Volkspartei entfernt sind. Und es drängt sich die Frage auf, was in Hamburg anders läuft als im Bund.

Darauf gibt es zwei Antworten – eine inhaltliche und eine personelle. So genießen die Hanse-Genossen neben der sozialen auch eine hohe wirtschaftliche Kompetenz. Selbst die Handelskammer rief indirekt zur Wahl von Olaf Scholz auf. Im Bund weist die Partei bei diesem Thema eine Leerstelle auf. Zu erratisch sind die Kurswechsel in der Steuerpolitik, zu massiv das Schwergewicht der sozialen Versprechen und zu abstrakt die Debatten, wie man das ändern könnte.

Gabriel unter kritischer Beobachtung

Zugleich ist Olaf Scholz persönlich in vieler Hinsicht das Gegenmodell zu Gabriel. Seine norddeutsche Nüchternheit umkleidet Solidität, Kompetenz und Glaubwürdigkeit, die sich an langen Linien orientiert. Ganz anders der Parteichef: rhetorisch begabt, energiegeladen und instinktsicher hat er in jüngster Zeit wieder seine Neigung zum Themenhopping unter Beweis gestellt.

Offenbar fühlen sich die Menschen in weltpolitisch unsicheren Zeiten bei einem vermeintlich langweiligen, aber verlässlichen Sachwalter besser aufgehoben. Dieser Gedanke macht sich nach einer erschreckend diffusen Vorstandsklausur zunehmend auch in den Köpfen der Genossen breit. Gabriel steht unter kritischer Beobachtung.

Mit Olaf Scholz sitzt dem Parteichef fortan ein ebenso machtbewusster wie erfolgsverwöhnter Vize im Nacken. In der engeren SPD-Spitze bildet der Hanseat mit der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, die selbst keine bundespolitischen Ambitionen verfolgt, längst eine Achse. Kein anderer Stellvertreter bringt so viel politisches Gewicht auf die Waage.

Wie die Dinge derzeit liegen, wird Gabriel die Genossen 2017 in die Bundestagswahl führen. Ist er erfolgreich, könnte sich Scholz anschließend ganz seinem Lieblingsprojekt, den Olympischen Spielen in Hamburg, widmen. Landet die SPD aber erneut im 25-Prozent-Keller, steht seit diesem Sonntag ein ernsthafter Nachfolgekandidat für den Parteichef bereit.