Griechenland ist ein notleidendes Mitglied der EU, aber es ist auch ein souveräner Staat. Das konnte man fast vergessen angesichts der unfreundlichen Kommentare deutscher Europapolitiker, die die Reise des griechischen Ministerpräsidenten nach Moskau begleitet haben. Alexis Tsipras hat die Aufgabe, sein Land vor dem Bankrott zu retten. Dazu gehört einerseits gutes Einvernehmen mit den europäischen Partnern, deren Hilfe Griechenland dringend benötigt. Dazu gehört andererseits aber auch, die besten Bedingungen für das Land anderswo zu finden, und sei es in Russland.

Tsipras hat nicht nur das Recht, er hat die Pflicht, mit dem traditionellen Wirtschaftspartner zu sprechen und nach neuen Kooperationsmöglichkeiten zu suchen. Wer ständig fordert, die Griechen sollten alles tun, um aus ihrer Krise herauszukommen, wer dem freien Handel das Wort redet und Einflusszonen für überkommen hält, kann das nur begrüßen. Tsipras muss das selbstverständlich alles von einer eindeutigen europäischen Position aus angehen, aber daran hat er bislang nicht den geringsten Zweifel gelassen, auch in Moskau nicht

Beide Seiten haben eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart, von Nebenabsprachen zulasten Dritter ist nichts bekannt. Wenn das zur Stabilisierung des EU-Mitglieds Griechenland beiträgt, ist das ein Gewinn für alle Seiten und dient vielleicht sogar ein wenig der Entspannung zwischen Russland und der EU.