Kommentar zum VW-Abgasskandal: Das ist nicht mehr mein Auto

Beim Übergang von einem technologischen Zeitalter ins andere kommt es nicht selten zu Wahrnehmungstäuschungen. Kaiser Wilhelm II. zum Beispiel glaubte nicht an das Auto und war ebenso trotzig wie bestimmend gewillt, weiter auf das Pferd zu setzen. Der Berliner Schriftsteller Theodor Fontane war da sehr viel weiter. Mit feinem Gespür für die sich vollziehenden Veränderungen schrieb er in seinem Roman „Der Stechlin“: „Seit wir die Eisenbahnen haben, laufen die Pferde schlechter.“ Natürlich wusste Fontane, dass die Pferde kraftvoll und elegant daherkamen wie eh und je. Angesichts der voranschreitenden Industrialisierung aber erschienen sie plötzlich wie ein Opfer der sich wandelnden gesellschaftlichen Verhältnisse.

Von Wahrnehmungsstörungen scheint zuletzt auch der Wolfsburger Autokonzern VW nicht frei gewesen zu sein. Zwar stehen trotz der Erschütterungen, die der Skandal um manipulierte Abgastests in den USA ausgelöst hat, die technologischen Ansprüche und das Niveau des Unternehmens ebenso außer Frage wie dessen Sinn für zeitgemäßes Fahren und Design.

Im Grund des Herzens einfache Autoschrauber geblieben

Etwas aber ist nicht erst zerbrochen, seit der mächtige Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn sich am Mittwoch gezwungen sah, die Verantwortung für die mutmaßlich kriminellen Machenschaften seines Unternehmens zu übernehmen. Schlimmer als die Schmach, bei einem unlauteren Tun ertappt worden zu sein, dürfte für die bislang als Richtigmacher der Branche geltenden Wolfsburger das Eingeständnis sein, mit einigem Aufwand betriebene Verschleierungstechniken angewandt zu haben, um die Ergebnisse einer bewährten, aber umweltbelastenden Technologie zu schönen. Und so ist es nur scheinbar ein Paradox, dass ausfeilte digitale Hilfsmittel entwickelt werden mussten, um die Illusion vom guten alten Auto zu erhalten, das nach Öl riecht und an dem man herumschrauben kann.

Erst jetzt fällt es einem wie Schuppen von den Augen, dass die großen Konzernlenker Ferdinand Piëch und Martin Winterkorn, die stolz darauf sind, echte Autokonstrukteure zu sein, am Ende nicht dazu in der Lage schienen, das private Fortbewegungsmittel Auto anders und neu zu denken. Dabei geht es vermutlich nicht allein um Weitsicht und technologisches Vermögen. VW wirbt nicht mit sprachlichen Kunststücken und subtiler Rhetorik. In dem Werbeslogan „Das Auto“ wird nicht mehr, aber auch nicht weniger behauptet als unmittelbare Funktion und Präsenz.

Die Transformation ins Digitale scheinen Winterkorn und Co letztlich auch deshalb nicht als oberste Priorität angesehen zu haben, weil sie im Grunde ihres Herzens Autoschrauber geblieben sind und es auch sein wollten. Das Auto sollte Auto bleiben und nicht zum bloßen Gehäuse werden für den forcierten Drang, alles mit allem zu vernetzen.

VW war und ist ein erfolgreiches Unternehmen, das sowohl in industriepolitischer als auch sozialer Hinsicht prägenden Einfluss auf die Geschichte der Bundesrepublik hatte. Dafür lassen sich jedoch kaum mildernde Umstände in den nun anstehenden juristischen Verfahren geltend machen. Dem Weltkonzern VW steht ein fundamentaler Kulturwechsel bevor, für den es bislang kein Drehbuch gibt. Zu sehr war das alte Skript bestimmt von den Vorstellungen der eigenen Größe, an der man sich im Niedersächsischen gern berauschte.

Abschied vom Auto, wie wir es kennen

Wiederholt hat Martin Winterkorn die Unternehmensdevise ausgegeben, der größte Autobauer der Welt zu werden. Die Position wurde erreicht und verteidigt mit steigenden Absatzzahlen und einer stetig wachsenden Liste von Ländern, in die man exportiert. Nicht zufällig hat VW dabei die Strukturen einer supranationalen Organisation aufgebaut, die nicht zuletzt von der Annahme lebte, dass Größe nicht scheitern kann. Es wird nun sehr viel davon abhängen, das Voluminöse wieder umzuwandeln in flexible und lernfähige Einheiten, aus denen Ideen überhaupt erst hervorgehen können.

Die Krise von VW hat allein schon deshalb eine enorme gesellschaftliche Dimension, weil weltweit über 600.000 Mitarbeiter von den Auswirkungen betroffen sind. Jenseits der wirtschaftspolitischen Folgen aber wird deutlich, dass der Abschied vom Auto, so wie wir es kennen, bereits begonnen hat, ohne dass eine erkennbare Alternative zur Verfügung steht. Das Bedürfnis nach individueller Mobilität wird auch in Zukunft mit Energie von außen versorgt werden müssen, und noch immer scheint es dazu der Lösungsvorschläge aus den einschlägigen Ingenieursberufen zu bedürfen. Das Wolfsburger Dilemma besteht nicht in einem Mangel an Kraft und intelligiblen Ressourcen. Sie wurden nur für einige Zeit in die falsche Richtung gelenkt.