Am Sonnabend fand zum ersten Mal der Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung statt. Er soll an die deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen in der Folge des Zweiten Weltkrieges erinnern. Er soll aber auch – schließlich ist es auch der schon seit langem von der Uno begangene Weltflüchtlingstag – unsere Aufmerksamkeit auf die lenken, die heute vertrieben werden, die heute flüchten müssen. Das sind Millionen. Ein paar davon sehen wir. Das sind die, die bis nach Europa oder gar bis nach Deutschland gelangen. Die anderen sehen wir nicht. Sie sterben schon – zum Beispiel – im Innern Afrikas an Unterernährung, an der Hitze, am Durst oder auch am Raubtiercharakter mancher ihrer Mit-Flüchtlinge.

Ab und zu sehen wir Menschen, die aus dem Mittelmeer aufgefischt werden. Die, die nächtens mit ihren Booten untergehen, sehen wir nicht. Aber das, was wir sehen, ist mehr als wir ertragen können. Menschen, die ihr Leben riskieren, um eines mitten unter uns führen zu können. Wir brauchten nur die Arme ausbreiten und sie willkommen heißen. Stattdessen hat die Europäische Union das Mare Nostrum-Programm, das dazu diente, Flüchtlinge vor dem Ertrinken zu retten, eingestellt. Aus Kostengründen, hieß es. Zur Erinnerung: Der zweitägige Gipfel in Elmau kostete etwa so viel wie ein Jahr Mare Nostrum.

Mehr als 1000 Tote in einer Woche

Allein in einer einzigen Woche im April 2015 kamen mehr als eintausend Flüchtlinge im Mittelmeer um. Auch diejenigen, die von einer Festung Europa träumen, werden sich über diese Zahlen nicht freuen. Sie werden nicht ungerührt die Bilder der aus dem Wasser gezogenen Überlebenden ansehen, geschweige denn die der auf dem Wasser treibenden Leichen. Wir Europäer sind nicht schuld an diesen Leichen, und doch sind wir es auch, denn wir könnten den Tod dieser Menschen verhindern.

Wir erleben wieder einmal die Spannung zwischen unserem uns überschwemmendem Mitleid und unserem Wissen darüber, dass es darauf nicht ankommt. Alles hängt davon ab, dass wir das Richtige tun. Dass wir die Gesetze einhalten, Ruhe bewahren und nicht die Ordnung unserer Verhältnisse aufs Spiel setzen. Ich habe von keiner Initiative ergriffener deutscher oder gar der von der Steuer befreiten griechischen Reeder gehört, die Schiffe bereitstellen, um die untergehenden Menschen zu retten. Ich selbst habe keine Bürgerbewegung gegründet, die die Motorboot-Besitzer Italiens und Griechenlands organisiert, so dass wenigstens ein paar Leute Streife fahren auf dem Mittelmeer.

Sicher würden die Reeder und würden meine Freunde kollidieren mit dem Seerecht. Aber ein Seerecht, das den Tod Tausender in Kauf nimmt, muss gebrochen um geändert zu werden. Sklavenhalter waren auch einmal im Recht. Wer Mitleid hatte mit den Sklaven, hing einer verantwortungslosen Gesinnungsethik an, stellte Gefühle über Vernunft und Erfahrung. Dass wir diese Bilder nicht ertragen, dass wir uns nicht ertragen, wenn wir sie ertragen, das könnte ein Anfang sein.

Das Berliner Zentrum für politische Schönheit bringt uns, da die Lebenden es nicht geschafft haben, die Toten ins Land. Die Künstlergruppe möchte am Sonntag, so heißt es, einige der von ihr vom Mittelmeer hierher gebrachten Toten vor dem Bundeskanzleramt beerdigen. „Die Europäische Union braucht viel mehr Friedhöfe für ihre tödliche Politik. Fangen wir direkt am Kanzleramt damit an“, heißt es auf der Website der Gruppe. Am Samstagnachmittag wurde von Seiten des Zentrums für politische Schönheit bekannt, dass der Leichenzug vors Kanzleramt verboten werden solle. Die Polizei habe die Aktion mit erheblichen Auflagen versehen.

Konfrontation mit unseren Taten

Wir werden mit den Folgen dessen, was wir tun oder lassen konfrontiert. Das ist das eine. Das andere ist: Die Aktion verwandelt Leichenberge in zu Tode gebrachte Einzelne. Sie verwandelt Flüchtlinge in Menschen. Die Aktion bestärkt uns in dem Gefühl, dass wir dabei sind, schlimmste Fehler zu begehen.

Im Jahre 442 v. u. Z. wurde in Athen ein Theaterstück aufgeführt. Dessen Heldin war eine junge Frau, die sich dem Befehl des Herrschers, dem Gesetz könnte man sagen, widersetzte. Er hatte angeordnet, Polynikes dürfe nicht beerdigt werden. Es gibt darin einen Dialog zweier Frauen. Die eine sagt, sie teile zwar das Entsetzen angesichts der Anordnung des Herrschers, aber sie könne sich nicht zur Rebellion dagegen entschließen. Antigone antwortet ihr: „Ich aber gehe, ein Grab dem liebsten Bruder aufzuwerfen“. Sie tut Unrecht, um das Rechte zu tun.

Wir fragten nicht nach den Toten und was mit ihnen geschah. Das tun jetzt die Künstler. Unsere Hoffnung ist, dass wir auf die Toten hören, da wir ihre Schreie, als sie noch lebten, überhörten. Die Geschichte der Untergegangenen und der Geretteten hört niemals auf.