Der Appell des Bundesinnenministers nach mehr europäischer Solidarität bei der Aufnahme von Flüchtlingen hat zwar den kleinen Schönheitsfehler, dass man das auch gerne von ihm gehört hätte, als nur Italien und Griechenland unter dem Ansturm der Flüchtlinge gelitten haben. Aber er ist nichtsdestotrotz richtig. Denn tatsächlich nehmen derzeit zehn EU-Länder, darunter Deutschland, überproportional viele Flüchtlinge auf. Die EU hat aber stolze 28 Mitgliedstaaten. Was also ist mit Großbritannien, mit Finnland, mit Dänemark? Wie kann ein vereintes Europa es zulassen, dass sich einzelne Staaten vor der gemeinsamen Verantwortung drücken?

Jedem sollte klar sein, dass es nicht nur ein humanitäres Problem ist, wenn binnen 48 Stunden 100000 syrische Kurden auf der Flucht vor der Terrormiliz IS die türkische Grenze stürmen. Die Krise in Syrien und im Irak droht eine ganze Region in den Abgrund zu ziehen. Wenn Europa nicht mehr unternimmt, um Druck von den Ländern zu nehmen, die die Hauptlast der Flüchtlingsunterbringung tragen, wird die Lage noch dramatischer, als sie schon ist. Doch die angeblich gemeinsame europäische Asylpolitik ist das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben steht. Dublin ist gescheitert; jedes Land macht, was es will. Von gemeinsamen Standards keine Spur. Dass Europa das zulässt, ist nicht nur verantwortungslos, es ist sträflich dumm.