Die Gewalttaten auf dem Kölner Bahnhofsplatz, wo Frauen sexuell belästigt, bedroht und ausgeraubt wurden, haben das Land erschüttert. Wir erleben zwar die üblichen, reflexhaften Reaktionen: Die Politik verlangt schärfere Gesetze, die Opposition warnt davor, nicht alle Menschen mit Migrationshintergrund zu diffamieren, es wird über das Polizeiversagen, das politische Versagen, das Versagen des Staates diskutiert. Und doch ist etwas anders. Die Ereignisse von Köln markieren das Ende der Willkommenskultur der vergangenen Monate. Hoffentlich.

Wer sich erinnert an die klatschenden und Luftballons schwenkenden Menschen am Münchner Hauptbahnhof, an die fast ausgelassene Stimmung gegenüber den ankommenden Flüchtlingen, dem muss die Szenerie, die schon damals von grenzenloser Naivität geprägt war, gespenstisch vorkommen. Köln war ein brutaler Realitätsschock. Wer es bis dahin noch nicht wusste, dem wurde gewaltsam klar gemacht: Es kommen nicht nur gute Menschen. Es kommen nicht nur hilfesuchende Flüchtlinge. Was sich dort über Stunden zwischen Polizei und den mehreren Tausend meist jungen Männern abspielte, gibt eine Realität wieder, vor der wir nur zu gern die Augen verschließen wollen. Dort agierten Menschen, die unsere Gesellschaft, ihre Regeln, ihre Gesetze nicht respektieren. Im Gegenteil. Sie haben sich darüber lustig gemacht.

Vertrauenserosion

Dass unsere Demokratie, die Toleranz, die Kultur des Verständnishabens nicht geschätzt wird, ist für uns eine kaum fassbare Erkenntnis. Dass man uns für unsere Zurückhaltung, für die Gewaltlosigkeit, für den Rechtsstaat bestenfalls belächelt, ja sogar verachtet, stellt für uns eine neue Dimension dar. Bislang vermuteten und lokalisierten wir die Respektlosigkeit gegenüber dem Staat und seinen Institutionen in bestimmten Milieus und Stadtvierteln. In Berlin gibt es Straßen, wo Polizisten nur in Mannschaftsstärke einrücken, wo die Beamten mit massiver Gegenwehr rechnen müssen. Noch sind das wenige Ecken unseres Landes. Aber die Erosion des Vertrauens in die staatlichen Organisationen schreitet fort. In Köln haben jetzt Kriminelle sogar zur Selbstjustiz gegen Migranten gegriffen.

Eine Million Menschen sind im vergangenen Jahr in unser Land gekommen. Eine Million mit einer anderen Sprache, einer anderen Kultur, anderen Vorstellungen von Erziehung, öffentlichem Leben, den Rechten der Frauen. Eine Million sind nicht kriminell. Selbstverständlich nicht. Aber eine Million beobachtet, wie wir mit den Kriminellen verfahren. Deshalb ist das Versagen der Polizei in der Silvesternacht so fatal. Wir geben ein Bild ab, das nicht nur den Tätern vermittelt: Deutschland ist ein großer Abenteuerspielplatz, hier kann jeder straflos machen, was er will.

Das sehen auch diejenigen, denen wir unterstellen, dass sie integrationswillig sind. Was ist in den Augen eines Syrers, eines Afghanen attraktiv an einem Staat, der vor einem Mob junger Männer kapituliert? Welche Vorbilder haben wir den Kindern anzubieten? Wie können wir eine Frau dazu ermuntern, sich aus der Autorität ihres Mannes zu befreien, wenn wir sie in die Willkür einer Öffentlichkeit entlassen, die ihr keinen Schutz bietet. Wir nehmen diese Menschen und uns selbst nicht ernst, wenn wir uns nicht klarmachen, wie weit möglicherweise der Weg ist, den sie zurücklegen müssen, um bei uns anzukommen.

Gesetze und Regeln vermitteln

Bei uns leben eine Million Menschen, die unsere Gesetze und Regeln nicht kennen, schon gar nicht die ungeschriebenen. Also müssen wir sie den neuen Mitbürgern – denn das sollen sie ja werden, Mitbürger – beibringen. Integration muss ein Angebot sein, aber keines, das auf Freiwilligkeit beruht. Wir müssen sie nicht nur einfordern, wir müssen sie erzwingen.

Die Lage ist ernst. Unsere Gesellschaft ist ein Gebilde aus sich ständig bewegenden Kräften. Bislang ging alles gut. In den vergangenen Jahrzehnten machte die Demokratie Fortschritte, und das Leben wurde freier und lockerer. Soll das so bleiben, wird mehr nötig sein, als die Behauptung des Status quo. Er muss verteidigt werden, auch wenn dies manchem Oppositionspolitiker als Rückschritt erscheint.

Nie zuvor sind so viele Menschen in so kurzer Zeit zu uns gekommen. Sie zu versorgen, ist ein bürokratisches Problem. Sie zu integrieren, ist eine Aufgabe, deren Größe erst so langsam in Umrissen klar wird. Sie wird uns viel abverlangen. In erster Linie Klarheit, Konsequenz und auch Härte in der Verteidigung unserer Werte und unserer Lebensweise. Dazu gehört aber auch, dass wir uns dieser Werte sicher sind und sie nicht durch falsch verstandene Toleranz selbst untergraben.