Wenn Bundesbankpräsident Jens Weidmann als Wächter über unser Geld in diesen Tagen einkaufen geht, sollte er bei einem Discounter vorbeischauen. Bei Aldi in Frankfurt am Main bekäme er den Kilobeutel Seelachsfilets für 5,99 Euro, 50 Cent billiger als vorher. Beim Griff nach Margarine sparte er zehn Cent, genau wie beim Kauf der Einliter-Packung Obstsaft.

Was Verbraucher als angenehm empfinden, muss den Währungshüter alarmieren. Die sinkenden Preise lassen sich nicht allein durch den Konkurrenzkampf im deutschen Einzelhandel erklären. Den gibt es schon lange. Und der Druck ist nicht nur bei Aldi und Lidl zu spüren. Innerhalb eines Jahres sind die Preise in der Euro-Zone nur noch um 0,5 Prozent gestiegen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das kein gutes Zeichen, sondern ein ernstes Krisensymptom. Zuletzt hatten wir eine solche Situation im November 2009, auf dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise.

Es ist normal, wenn sich einzelne Produkte verbilligen. Zum Problem wird ein allgemeiner Preisrutsch, Deflation genannt. Dann kaufen Verbraucher weniger ein und Investoren investieren nicht mehr, weil es morgen günstiger sein könnte. Noch ist die Euro-Zone nicht so weit. Entlastung kommt von der leichten Konjunkturerholung. Doch der Abgrund rückt näher. Lange kann die Europäische Zentralbank dem nicht mehr zuschauen.