Berlin - Wer zuletzt mal in Erfurt gewesen ist, der denkt unweigerlich: So wunderbar wie da kann es im Westen niemals werden. Die Altstadt ist derart schön saniert, dass man frei nach Helmut Kohl nur von einer blühenden Stadtlandschaft sprechen kann.

Trotzdem ist das ein trügerischer Eindruck. Der Jahresbericht zur deutschen Einheit diagnostiziert bei den ökonomischen Kerndaten unverändert ein enormes Gefälle. Das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Ländern erreicht nur zwei Drittel des Westniveaus. Das kann sich in absehbarer Zeit gar nicht ändern. Denn das Entwicklungspotenzial von Regionen hängt meistens von der Existenz großer Unternehmen ab, die ihr Umfeld in die Höhe ziehen.

Die jedoch fehlen im Osten. An dem West-Ost-Gefälle würde sich nur etwas ändern, wenn entweder der Staat zu einem Instrument der Planwirtschaft griffe und einige Großkonzerne umsiedelte. Das wird nicht geschehen. Oder wenn kleine und mittlere Unternehmen stark wachsen. Das ist durchaus möglich. Doch wenn es passiert, dann langsam. Längst ist dem Finanzminister klar, dass für den Solidarpakt II Ersatz her muss, weil der Osten allein nicht lebensfähig ist.

Bei der gestrigen Pressekonferenz zur Vorstellung des Jahresberichts waren Journalisten ostdeutscher Medien und Auslandskorrespondenten übrigens fast unter sich. Auch das sagt über die Einheit ziemlich viel aus.