Was haben nach Deutschland eingewanderte Engländer, Franzosen, Italiener oder Schweizer gemeinsam? Sie dürfen alle ihren alten Pass behalten, wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen. Auch eine eingebürgerte Marokkanerin muss sich nicht entscheiden, da ihre alte Heimat ihr gar keine Wahl lässt: Wie vielen anderen Ländern ist es der marokkanischen Regierung völlig egal, dass die Bundesregierung keine Doppelpässe mag. Marokko entlässt seine Bürger grundsätzlich nicht aus der Staatsbürgerschaft, also haben nach Deutschland eingewanderte Marokkaner zwei Pässe.

Dasselbe gilt für Brasilianer, Israelis, Iraner, Afghanen oder Libanesen. De facto wird bei 58 Ländern eine Ausnahme gemacht. Bei mehr als der Hälfte aller Einbürgerungen wird der Doppelpass inzwischen hingenommen. Die Ausnahme ist damit zur Regel geworden. Trotzdem hat man bislang noch keine öffentliche vorgetragene Sorge von Doppelpass-Gegnern vernommen, dass ein Brite wegen seiner zwei Pässe in Loyalitätskonflikte gegenüber seiner neuen Heimat stürzen könnte.

Diskriminierung der Deutschtürken

Auch einer Schweizerin werden nicht zwei Identitäten unterstellt, nur weil sie neben ihrer neuen deutschen Staatsangehörigkeit nicht die alte aufgeben will. Worum geht es also wirklich, wenn Unionspolitiker wie der Christsoziale Hans-Peter Friedrich die Mehrstaatlichkeit so vehement ablehnen? Es geht um die größte Einwanderergruppe in Deutschland, die Deutschtürken.

Sie sind die Hauptbetroffenen des Verbots. Die SPD spricht zurecht von einer Lex Türkei. Nur ihnen unterstellt man, dass sie sich nicht integrieren wollen, wenn sie an ihrem alten Pass festhalten. Sie müssen sich entscheiden, wenn sie sich einbürgern lassen oder als hier Geborene mit spätestens 23 Jahren. Das ist schlichtweg Diskriminierung, die sich durch kein Argument rechtfertigen lässt.

Ein Einbürgerungsland, das darauf angewiesen ist, dass sich Migranten hier willkommen fühlen, sendet damit ein fatales Signal aus. Studien zeigen, dass diejenigen, die gezwungen werden, sich für einen Pass zu entscheiden, sich ausgegrenzt fühlen und größere Schwierigkeiten haben, sich zu integrieren.

Eine offene Gesellschaft führt zu besserer Integration

Nicht von ungefähr haben Länder wie Kanada, die USA, Frankreich oder Großbritannien kein Problem damit, wenn ihre Bürger noch eine andere Staatsbürgerschaft haben. Der Historiker Timothy Garton Ash schreibt, die Staatsangehörigkeit kann ein wertvolles Instrument sein, um Zuwanderer in die Gesellschaft zu integrieren. Der Pass sei keine Belohnung für vorbildliches Verhalten von Zuwanderern, heißt es in einer jüngst veröffentlichten Studie des Briten. Garton Ashs Resumé: „Je offener eine Gesellschaft ist, um so willkommener werden sich Migranten fühlen. Je mehr Hürden ich errichte, je mehr Misstrauen ich zeige, umso geringer die Bereitschaft der Neubürger, sich mit ihrer neuen Heimat zu identifizieren.“

Es heißt, dass sich Union und SPD bei ihren Verhandlungen gestern Abend auf einen Kompromiss in Sachen Doppelpass geeinigt hätten. Wie der aussehen könnte, ist schwer vorzustellen. Man kann nicht ein bisschen schwanger sein, sagt die Türkische Gemeinde in Deutschland. So ist das auch mit den zwei Staatsangehörigkeiten. Ein bisschen Doppelpass geht nicht.