Für viele schien es ein Jahr der Liberalität zu werden. Allein die nüchterne Aufzählung kam im Sound des Triumphes daher. Irland, Grönland, Mexiko und die USA haben per Referendum, Gerichtsentscheid oder Parlamentsbeschluss die Ehe für alle eingeführt und so einen wichtigen Schritt zur rechtlichen Gleichstellung homosexueller Paare getan. Wurde die Entscheidung des Supreme Courts umgehend als Meilenstein der amerikanischen Rechtsgeschichte verstanden, die ihre Wirkung in die Gesellschaft hinein erst noch entfalten müsse, so durfte man die Abstimmung der irischen Bevölkerung für die rechtliche Gleichstellung homosexueller Paare als Ausdruck eines fundamentalen gesellschaftlichen Wandels verstehen.

Die als konservativ geltenden, mehrheitlich katholischen Iren haben mit ihrem Votum unter Beweis gestellt, dass Traditionalismus und Modernität keine unvereinbaren Gegensätze sein müssen. Die Entscheidung der Iren hat eindrucksvoll unterstrichen, dass man Menschen mit einer bestimmten sexuellen Orientierung nicht etwa ein Recht einräumt, das ihnen auch wieder entzogen werden kann. Vielmehr ging es um die Festschreibung eines Bürgerrechts. Die Referenden und Gerichtsentscheidungen in diesem Jahr nähren trotz allem die Hoffnung auf die Entwicklung der Bürgerrechte als einer Fortschrittsgeschichte.

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Doch die Aufzählung der kleinen Triumphe ist trügerisch. Während in den eingangs genannten Ländern ein nachholender Wandel vollzogen wurde, müssen Menschen vielerorts in der Welt Diskriminierung, Gewalt und Verfolgung fürchten, sobald sie ihre von der jeweiligen Gesellschaftsnorm abweichende sexuelle Identität preisgeben. Und nicht immer bietet ein vorhandener rechtlicher Schutz auch die Garantie, dass er dauerhaft gewährt wird.

„Marsch des Stolzes“ in Istanbul brutalen Polizeieinsatz aufgelöst

Auf schmerzliche Weise wurde dies in Istanbul deutlich, wo der „Marsch des Stolzes“ Ende Juni durch einen brutalen Polizeieinsatz aufgelöst wurde. Zwar ist die Türkei eines der wenigen Länder in der muslimischen Welt, in denen Homosexualität nicht unter Strafe steht. Umso dramatischer zeigt die Zerschlagung der Parade, wie gefährdet die Rechtslage in gesellschaftlichen Umbruchphasen ist.

Wo immer um die Rechte von Homosexuellen gekämpft wird, wird zur symbolischen Bekräftigung des Anliegens die Regenbogenfahne gehisst. Sie ist das bunt-fröhliche Zeichen einer Toleranz, ohne die eine moderne Gesellschaft nicht funktionieren kann. Doch sie ist auch das Symbol eines Eingeständnisses, dass Toleranz nur eine Art Platzhalter ist für eine erst noch zu erzielende rechtliche und lebenspraktische Gleichheit. Toleranz ist ein Gebot der Rücksicht, die eine durchgesetzte Rechtsnorm nicht nötig haben sollte.

Eine Art Weltbürgerkrieg gegen die Toleranz

Dabei verstärkt sich der Eindruck, dass es längst nicht mehr um die Durchsetzung einzelner Rechte geht, sondern dass wir uns auf dem Weg in eine Art Weltbürgerkrieg gegen die Toleranz befinden, in dem Homophobie nur ein Beispiel für die Mobilisierung sozialer Affekte ist. Es ist kein Zufall, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine nationalistischen Großmachtfantasien nach innen mit einem rigiden Kampf gegen die Bedürfnisse nach sexueller Selbstbestimmung verknüpft. Ein Land, das auf einen anhaltenden nationalen Selbstbehauptungskampf eingeschworen werden soll, kann, darf und will sich liberale Abweichungen nicht erlauben.

Toleranz gilt als Schwäche und sie ist verwundbar. Das wurde auf besonders dramatische und grausame Weise angesichts islamistischer Anschläge in Tunesien und Frankreich bewusst. Der französische Soziologe Gilles Kepel ist davon überzeugt, dass solche Anschläge die Länder an ihrer jeweils empfindlichsten Stelle treffen sollten. Der Attentäter von Lyon, der seinen Chef enthauptet hat, ist Kepel zufolge der Albtraum einer auf Toleranz gründenden Integrationspolitik. Einen wie ihn wird nun niemand mehr einstellen. Und mit dem Tourismus als terroristisches Angriffsziel trifft man nicht nur die ökonomische Basis der noch jungen tunesischen Demokratie. Der Anschlag am Strand von Sousse war auch einer auf jenen Ort, an dem das Gefühl von Freiheit und Toleranz gelebt oder zumindest konsumiert wird. Gerade am Strand, wo Menschen schutzloser sind als andernorts, sollen sie in ihrem Gefühl unbegrenzter Bewegungsfreiheit getroffen werden.

Den Idealen einer liberalen Durchlässigkeit stehen weltweit aggressiv-regressive Tendenzen zu nationaler und religiöser Selbstbeschränkung gegenüber. Es wird darauf ankommen, Toleranz nicht länger nur als die Fähigkeit eines klaglosen Erduldens aufzufassen. Als zivilisatorische Errungenschaft muss sie immer wieder neu erkämpft, gelebt und verteidigt werden.