Es zeigt sich gerade in bemerkenswerter Trennschärfe der Unterschied von guter und schlechter Politik. Gute Politik ist Politik ohne Angst. Ohne Angst vor der Aufgabe, und ohne den Menschen Angst zu machen. Kanzlerin Angela Merkel ist hier Vorbild. Aber sie ist Gott sei Dank nicht allein. Da ist am anderen Ende der politischen Kette zum Beispiel der Bürgermeister von Schwäbisch Gmünd, ein CDU-Mann, der beherzt die Dinge anpackt. Wer ihn reden hört, weiß, dass es gelingen kann, wenn nur alle auf allen Ebenen und an allen Plätzen es wollen. Der Mann lebt in der schwäbischen Provinz.

Und nun zur schlechten Politik. Schlechte Politik ist Politik, die aus Aufgaben Probleme macht und aus Problemen Krisen formt. Die keine Lösung sieht, sondern sorgenvoll Berge auftürmt. Die kapituliert, bevor sie richtig angepackt hat. Die Abschiebung sagt statt Integration. Es ist wirklich traurig und beschämend, dass diese Haltung ausgerechnet aus Berlin kommt. Von der Regierungspartei, der CDU, von Innensenator Henkel. Man schmückt sich sonst gern damit, eine weltoffene Metropole zu sein. Jetzt wissen wir, das gilt nur für Fremde, die pflegeleicht sind und Geld in die Stadt bringen. Da scheint es auch folgerichtig, dass der Initiator des sogenannten Brandbriefs gegen die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ein Abgeordneter aus Berlin ist.

Arme Hauptstadt, das hat sie nicht verdient, dass ausgerechnet hier die CDU den Bayern nacheifert. Klar läuft nicht alles gut in der Stadt. Die Lage vor den Registrierungsstellen ist schlimm. Aber warum wird sie beklagt? Warum wird nicht gehandelt?

Merkel hat Haltung

Es ist bemerkenswert, dass die CDU plötzlich angeblich ihre Kanzlerin nicht mehr kennt und sich abwendet. Als wäre Angela Merkel in den vergangenen Wochen eine andere geworden. Wer immer glaubte, Merkel habe mit ihrer Entscheidung, die von Ungarn so entwürdigend behandelten Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen, ihren Politikstil gewechselt, musste jetzt lernen, dass das Gegenteil der Fall ist. Wir erlebten am Mittwochabend im Fernsehstudio eine Kanzlerin, die klassischer nicht hätte sein können. Ruhig, sachlich, unbeirrt, kühl bis messerscharf und präzise. Merkels größtes Plus ist das, was ihr am häufigsten und heftigsten vorgeworfen wird: ihr atemberaubender Pragmatismus.

Wo ist das Gefühl, wo ist der Spirit, wo ist die Story?, fragen ihre Kritiker. Hat sie alles nicht. Braucht sie nicht. Sie hat Haltung. Und genau aus dieser Haltung heraus traf sie die Entscheidung, die Flüchtlinge aufzunehmen. Es ist im Übrigen dieselbe Haltung, mit der sie 2010 den damaligen Papst wegen seiner in ihren Augen missverständlichen Äußerungen zum Holocaust kritisierte. Kein deutscher Regierungschef hat dies je in solch scharfer Form und öffentlich getan. Auch damals schien es vielen unüberlegt, unnötig und nicht vom Ende her gedacht.

Weder gefühlsduselig noch nationalistisch

Wahrscheinlich hat Angela Merkel nicht viele solcher inneren Leitplanken, entlang derer sie sich bewegt, ohne lange zu überlegen. Und das hilft ihr offensichtlich sehr. Es ermöglicht ihr, diese pragmatische Politik durchzuhalten, die ohne beschönigende oder alarmistische Rhetorik auskommt. Weder sagt sie im Sound einer gefühlsduseligen Multikulti-Ideologie, die Flüchtlinge bereichern unser Land. Noch ist sie anfällig für nationalistische Anwandlungen, wie wir es ressentimentgeladen jetzt aus Bayern hören müssen. Sie navigiert sicher auf dem Boden des Grundgesetzes (es gibt keine Obergrenze für das Asylrecht) und der Menschlichkeit (wir sind stolz darauf, ein freundliches Gesicht zu zeigen).

Merkels habituelle Neutralität, ihre stets gleiche Temperiertheit, ihre kaum Ausschläge anzeigende Gemütslage, machen sie zur idealen Krisenpolitikerin. Mit sensationeller Nervenstärke hält sie Kurs, unbeirrt davon, ob die Welt sie in den Himmel hebt oder in den Boden stampft. Selbst die Kritik aus den eigenen Reihen, ein Seismograph auf den in aller Regel Parteivorsitzende reagieren, lässt sie an sich abperlen. Vielleicht ist ihr das auch deshalb möglich, weil ihr Weg ins Amt so untypisch war. Und hier sei an eine andere Situation erinnert, in der Merkel ihren Leitplanken gefolgt ist, und ins Risiko ging, ohne das Ende zu kennen: ihr Brief in der FAZ im Jahr 1999, der zum Sturz von Helmut Kohl führte.

Merkel war immer sie selbst, und ist es jetzt in Vollendung. Würden alle Verantwortlichen die aktuelle Lage sehen wie sie, wir müssten uns keine Sorgen machen. Die Flüchtlinge sind für sie weder ein Problem noch eine besondere Chance. Sie sind schlicht eine Aufgabe. Und Aufgaben, so die Haltung der Kanzlerin und Parteichefin Angela Merkel, Aufgaben kann man lösen.