Die Brandanschläge sind in die Randspalten der Zeitungen gewandert. Die große Erzählung auf allen Kanälen dreht sich jetzt um die Kanzlerin, die Grenzen öffnet, und die Tausenden, die helfen. Von einem „Septembermärchen“ ist die Rede. Aber das Wort Märchen schmeckt falsch.

Dieser Sommer ist keine WM, nach der wir die Gäste strahlend verabschieden können. Dieser Sommer ist das Zwischenergebnis jahrzehntelanger Politik, monatelangen Zögerns, ein Umbruch nach schrecklichen Bildern – und er ist der Beginn einer langen, schweren Veränderung des Landes. Viele glauben, zu schwer. Die Hasserfüllten aus den Randspalten sind im wirklichen Leben unter uns und zündeln weiter. Bürger wie Politiker haben Angst.

Es gibt eine Lektüre gegen diese Angst. 2011 erschien das winzige Buch „Krieg: Stell dir vor, er wäre hier“ der dänischen Autorin Janne Teller. Es ist ein Jugendbuch, aber nicht, weil es zu einfach wäre für Erwachsene. Es richtet sich an junge Menschen, weil diese, so die Autorin, keine Angst davor haben, sich etwas völlig anderes vorzustellen. Denn das muss der Leser. Und es tut weh. Auf den 50 Seiten des wie ein Pass gestalteten Buchs ist Europa vom Krieg verwüstet. Demokratie ist Geschichte, ihre Anhänger werden verfolgt. Die Griechen, Franzosen und Spanier hassen die Deutschen, die „nicht mehr in Europa mitmachen wollten (...) Deutschland konnte nicht auf Dauer für alle bezahlen, die nichts anderes wollten, als streiken und Rotwein trinken.“

Es herrschen Hunger, Not und Gewalt. Die Familie des Jungen, den Teller direkt anspricht, will fliehen. Aber wohin? „Eure Familie ist zu einer Zahl geworden. Fünf! Es gibt kein Land, das weitere fünf Flüchtlinge haben will. Flüchtlinge, die die Sprache nicht beherrschen, die nicht wissen, wie man sich in einer klassischen Kulturgesellschaft benimmt ... und wie man die Tugend einer Frau achtet.“

Die Familie bezahlt dennoch gefälschte Papiere, Schleuser für die Reise in den friedlichen Nahen Osten und landet nach einer elend langen Flucht in Ägypten. Dort beginnt eine lange Zeit des Wartens, ohne Sprachkurs, ohne Arbeit. „Auch wenn du dunkle Haare hast und leicht braun wirst, du kannst deine blauen Augen nicht verstecken.“ Dazu das Lagerleben, Enge, Dreck, Ablehnung.

Teller weiß, wovon sie erzählt, sie hat für die UN in Krisengebieten überall in der Welt gearbeitet. Wir wissen darum, aus den Medien. Wissen? Das glauben wir. Tellers Buch verändert etwas im Kopf und damit den Blick auf diesen Sommer. Keiner verlässt seine Heimat, wenn er nicht in größter Not ist. Wir dürfen diese Not nicht hier fortsetzen, wir müssen den Geflohenen eine neue Heimat geben. Wir könnten selbst in ihrer Lage sein. Sich das vorzustellen, ist gar nicht so schwer. Aber ein Märchen ist es nicht.